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artinus ist soviel als Martem
tenens, das ist, der einen Krieg hat wider die Sünden und
Laster. Oder es ist soviel als martirum unus, der Märtyrer
einer; denn er war ein Märtyrer nach seinem Willen und in
der Ertötung des Fleisches. Oder Martinus ist verdolmetschet:
der da reizt, oder der herausfordert, oder der regieret. Denn
durch das Verdienst seiner Heiligkeit reizte er den Teufel zum
Neid, er forderte Gott heraus zur Barmherzigkeit, und herrschte
über sein Fleisch durch immerwährende Ertötung.
Denn es muß die Vernunft oder der Geist über das Fleisch
herrschen als ein Herr über den Knecht, oder als ein Vater
über den Sohn, oder als ein Alter über einen fürwitzigen
Jungen; das schreibt Dionysius in dem Brief an Demophilus. Martini
Leben hat uns beschrieben Severus mit dem Beinamen Sulpicius,
Sanct Martini Schüler, weIchen Gennadius zählt unter
die berühmten Männer.
artinus ist zu Pannonien geboren
von der Stadt Sabaria, doch ward er erzogen zu Pavia in Italien.
Sein Vater war der Ritterschaft Meister, mit dem kämpfte
er unter den Kaisern Julianus und Constantinus, doch nicht von
eigenem Willen, denn er war von seiner Jugend auf voll göttlicher
Gnaden. Da er zwölf Jahre alt war, lief er wider der Eltern
Willen in der Christen Gesellschaft und ließ sich den Glauben
lehren; und wäre darnach auch in die Wüste gegangen,
wenn nicht die Schwachheit seines Leibes dem hätte widerstanden.
Nun hatten die Kaiser das Gebot gegeben, daß die Söhne
der alten Ritter für ihre Väter sollten kriegen; also
geschah, daß Sanct Martinus seines Alters im fünfzehnten
Jahr mußte Ritterschaft an sich nehmen. Er ritt nicht mehr
denn mit einem Knecht, demselben diente er mehr, denn ihm der
Knecht diente, und zog ihm oft seine Schuh ab und putzte sie.
Es geschah an einem Wintertag, daß er ritt durch das Tor
von Amiens, da begegnete ihm ein Bettler, der war nackt und hatte
noch von niemandem ein Almosen empfangen. Da verstund Martinus,
daß von ihm dem Armen sollte Hilfe kommen; und zog sein
Schwert und schnitt den Mantel, der ihm allein noch übrig
war, in zwei Teile, und gab die eine Hälfte dem Armen, und
tat selber das andere Teil wieder um. Des Nachts darnach sah
er Christum für ihn kommen, der war gekleidet mit dem Stücke
seines Mantels, das er dem Armen hatte gegeben. Und der Herr
sprach zu den Engeln, die um ihn stunden, 'Martinus, der noch
nicht getauft ist, hat mich mit diesem Kleide gekleidet'. Davon
ward aber der Heilige nicht hoffärtig, sondern er erkannte
Gottes Güte; und ließ sich taufen, da er seines Alters
war achtzehn Jahre. Doch blieb er auf seines Meisters Bitten
noch zwei Jahre lang bei der Ritterschaft; dafür gelobte
ihm dieser, daß er der Welt wolle absagen, wenn sein Amt
um wäre.
Simone Martini: Martin verweigert Kaiser Julian den Kriegsdienst. Martinskapelle in der Unterkirche von San Francesco in Assisi. Um 1315 © Gerhard Ruf
Zu den Zeiten fielen die Barbaren in Gallien ein;
da zog der Kaiser Julianus wider sie zu Streit, und gab seinen
Rittern großen Lohn. Martinus aber wollte fürder nicht
kämpfen, und wollte des Geldes nicht empfahen, sondern sprach
zu dem Kaiser 'Ich bin ein Ritter Christi, darum ziemt mir nicht
zu kämpfen'. Da sprach Julianus voll Unmuts, er ließe
den Dienst nicht um seines Glaubens willen, sondern aus Furcht
vor dem drohenden Kriege. Da antwortete ihm Martinus mit unverzagtem
Sinn 'Mißt man dies meiner Feigheit zu und nicht meinem
Glauben, so will ich mich morgenden Tages bloß von Waffen
vor das Heer stellen, und mit dem Kreuz allein statt Schild und
Helm beschirmt im Namen Christi unversehrt durch die Scharen
der Feinde brechen'. Also ward geboten sein zu hüten, daß
er ohne Waffen, als er sich hatte vermessen, werde den Barbaren
entgegengestellt. Doch des anderen Tages sandten die Feinde Boten
und gaben sich und alles ihr Gut in des Kaisers Hand. Und ist
nicht zu zweifeln, daß dieser unblutige Sieg um der Verdienste
des Heiligen willen verliehen ward.
Darnach ließ Martinus
die Ritterschaft, und kam zu Sanct Hilarius, dem Bischof von
Poitiers, der weihte ihn zum Acolyten. Da ward er des Nachts
im Traum vom Herrn ermahnt, seine Eltern zu besuchen, die annoch
Heiden waren. Und da er sich auf den Weg machte, sagte er zuvor,
daß er viel Widerwärtigkeit leiden sollte. Also fiel
er in den Alpen unter die Räuber; da aber einer ihm mit
der Axt nach dem Haupte schlug, hielt ein anderer die Hand des
Schlagenden auf. Doch banden sie ihm die Hände auf den Rücken
und gaben ihn der Räuber einem zu hüten. Der fragte
ihn, ob er nicht in großer Furcht wäre gewesen. Antwortete
Martinus 'Ich war nie so sicher, denn Gottes Erbarmen ist in
der Not am nächsten'. Und hub an und predigte dem Räuber,
und bekehrte ihn zum Christenglauben. Da führte der Räuber
Martinum wieder auf die rechte Straße, und endete darnach
sein Leben in guten Werken. Da Sanct Martinus bei Mailand war
vorüber gezogen, begegnete ihm der Teufel in menschlicher
Gestalt, und fragte ihn, wohin er führe. Der Heilige antwortete
'Ich gehe, dahin mich Gott ruft'. Sprach der Teufel 'Wohin du
gehen magst, so wird der Teufel dir allezeit widerstehen'. Antwortete
Martinus 'Der Herr ist mein Helfer, ich fürchte nicht, was
mir ein Mensch tut'. Da verschwand der Teufel alsbald. Darnach
bekehrte Sanct Martinus seine Mutter; der Vater aber beharrte
in seinem Irrglauben.
Zu der Zeit blühete durch alle Welt
die arianische Ketzerei, der widerstund Martinus fast ganz allein;
da ward er öffentlich geschlagen und ward aus seiner Stadt
gestoßen. Also kehrte er wieder gen Mailand, daselbst bauete
er ein Kloster. Aber auch hier ward er von den Arianern vertrieben
und kam nach der Insel, Gallinaria genannt, mit einem einigen
Gesellen, einem Priester. Da geschah es, daß er unter anderen
Kräutern Nießwurz aß, welches giftig ist; und
als er schon den Tod nahen fühlte, vertrieb er alle Gefahr
und allen Schmerz mit der Kraft des Gebets. Da er aber vernahm,
daß Sanct Hilarius aus der Verbannung wiederkehre, zog
er ihm entgegen, und bauete ein Kloster bei Poitiers. Daselbst
geschah es, daß er einst eine kleine Zeit von seinem Kloster
ging; und da er wiederkam, fand er seiner Katechumenen einen
gestorben, daß er die Taufe nicht hatte empfangen. Da trug
ihn Sanct Martin in seine Zelle, beugte sich über seinen
Leib im Gebet, und rief ihn wieder ins Leben zurück. Derselbige
Mensch pflegte zu erzählen, daß über ihn schon
das Urteil ward gegeben, und er verbannt wurde an einen dunklen
Ort: da sprachen zween Engel zu dem Richter, das sei der, für
den Martinus bete. Da ward den Engeln geboten, ihn zurückzuführen
und ihn Sanct Martino lebend wieder zu geben. Auch einen andern
erweckte der Heilige wieder zum Leben, der sich hatte erhenkt.
Zu den Zeiten hatte das Volk
von Tours keinen Bischof, und bat Sanct Martinum, daß er
ihr Bischof möchte sein, dem widerstund er gar sehr. Etliche
aber von denen, die da versammelt waren, widerredeten seiner
Wahl, weil er häßlich sei von Gebärde und garstig
von Angesicht. Unter ihnen war sonderlich einer mit Namen Defensor,
das ist gesprochen 'der Verteidiger'. Da nun kein Lector da war,
nahm einer das Psalterium und las den ersten Psalm, den er aufschlug.
Das war der Vers 'Aus dem Munde der Kinder und Unmündigen,
hast du dir ein Lob zugerichtet, Herr, daß du zerstörest
den Feind und den Verteidiger' (Ps. 8, 3). Von diesem Spruch
ward Defensor überwunden und von allen verworfen. Also ward
Martinus zum Bischof geweiht; doch mochte er den Lärm des
Volkes nicht erleiden, darum bauete er sich fast zwei Meilen
vor der Stadt ein Kloster, darin wohnte er mit achtzig seiner
Schüler in einem gestrengen Leben. Da trank niemand Wein,
er wäre denn siech, und weichlich Gewand ward eine Sünde
geachtet. Von dem Kloster nahmen viele Städte ihre Bischöfe.
In den Zeiten ward einer als
Märtyrer geehrt in dem Land, des Leben oder Verdienst fand
Sanct Martin nirgends beschrieben. Darum stund er einst über
sein Grab und bat den Herrn, daß er ihm kündete, wer
er wäre, und was sein Verdienst sei. Da er sich zu der Linken
wandte, sah er einen
kohlschwarzen Schatten stehen, und da er ihn beschwur, sprach
der Schatten 'Ich bin ein Mörder und Räuber gewesen,
und bin ertötet um meine Missetat'. Alsbald ließ Sanct
Martin den Altar zerstören, der ihm errichtet war.
In dem Dialogus Severi und Galli, der Schüler
Sanct Martini, darin vieles ergänzt ist, was Severus in
der Lebensbeschreibung des Heiligen hat weggelassen, liest man
auch, daß der Heilige einst den Kaiser Valentinianus um
eine notdürftige Sache wollte angehen; da wußte der
Kaiser, daß er käme etwas zu bitten, das er ihm nicht
wollte geben, darum ließ er die Tore des Palasts vor ihm
beschließen. Da Sanct Martin das zum zweiten und dritten
Male mußte leiden, zog er ein hären Gewand an, streute
Asche auf sein Haupt, und kasteiete sich eine Woche lang, und
nahm weder Speise noch Trank'. Darnach ging er auf des Engels
Geheiß wieder zu dem Palast, und kam bis vor den Kaiser,
und hinderte ihn niemand. Da der Kaiser ihn kommnen sah, ward
er zornig, daß man ihn hatte eingelassen, und wollte nicht
gegen ihn aufstehen. Da bedeckte plötzlich Feuer den königlichen
Thron und brannte den Kaiser an seinen hinteren Teil, daß
er voll Zornes mußte aufstehen. Und bekannte also, daß
er Gottes Macht hatte gespürt. Er umarmte oden Heiligen
mit Fleiß und bewilligte ihm alles, noch ehe er darum bat,
und bot ihm große Gaben; die wollte Sanct Martin aber nicht
nehmen.
In demselben Dialogus liest man auch, wie
er den dritten Toten erweckte. Es war ein Jüngling gestorben,
des Mutter bat Sanct Martinum mit Tränen, daß er ihn
wieder lebendig mache. Da fiel Martinus mitten auf dem Feld,
da eine unzählbare Schar der Heiden war, auf seine Knie,
und der Jüngling erstund vor aller Augen. Davon wurden die
Heiden alle zum Glauben bekehrt.
Es gehorchten aber
dem heiligen Manne auch die fühllosen Dinge, die Pflanzen
und die unvernünftigen Kreaturen. Erstlich die Dinge, so
kein Fühlen haben, als Feuer und Wasser; denn da er einst
Feuer an einen Tempel hatte gelegt, trug der Wind die Flamme
auf das nächste Haus, das bei dem Tempel stund. Da stieg
Martinus auf das Dach des Hauses und stellte sich den Flammen
entgegen. Alsbald kehrte die Flamme sich um wider die Gewalt
des Windes, daß es anzusehen war, als stritten die Elemente
wider einander.
Man lieft auch
in dem besagten Dialog, daß ein Schiff war in großer
Not; da rief ein Kaufmann, der noch kein Christ war, 'Du Gott
Sanct Martini, komm uns zu Hilf'. Alsbald ward eine große
Stille.
Ihm gehorchten zum andern die
Pflanzen; denn da er an einer Stätte einen uralten Tempel
hatte zerstört und eine Tanne wollte ausreißen, die
dem Teufel geweiht war, widerstunden ihm die Heiden und Bauren,
und einer von ihnen sprach 'Hast du Vertrauen zu deinem Gott,
so wollen wir diesen Baum umhauen, und du sollst ihn auffahen;
ist dein Gott mit dir, als du sagst, so magst du wol entrinnen'.
Er willigte darein, und sie hieben den Baum um; der neigte sich
wider Martinum, der daselbst gebunden war: da machte er gegen
den Baum das Kreuzeszeichen, und der Baum kehrte sich alsbald
um nach der andern Seite und erschlug beinahe die Bauren, die
an einem sicheren Orte stunden.
Als sie das Wunder sahen, wurden sie bekehrt. Zum dritten gehorchten ihm auch die unvernünftigen
Tiere, als in dem vorgenannten Dialog zu lesen ist. Also sah
er einst, wie Hunde ein Häslein jagten, da gebot er ihnen,
daß sie von der Verfolgung des Tieres ließen. Da
blieben sie alsbald stehen, und stunden auf ihren Füßen
als wären sie gefesselt. Es
wollte eine Schlange über einen Fluß schwimmen, da
sprach Martinus zu ihr 'Ich gebiete dir im Namen des Herrn, kehre
um'. Alsbald wandte sie sich auf das Wort des Heiligen und schwamm
wieder an das andere Ufer. Da erseufzte Martinus und sprach 'Die
Schlangen hören mich, aber die Menschen hören mich
nicht'. Ein Hund bellte einen von Sanct
Martini Jüngern an, da wandte der Jünger sich um und
sprach 'Im Namen Sanct Martini gebiete ich dir, daß du
schweigest'. Da schwieg der Hund, als sei ihnt die Zunge abgeschnitten.
Sanct Martinus war gar von großer
Demütigkeit. Denn da er zu Paris einem Aussätzigen
begegnete, vor dem den anderen allen grausete, küßte
er ihn und gab ihm seinen Segen; davon ward der Mensch zustund
rein und gesund. War er im Heiligtum, so saß er nimmer
auf dem bischöflichen Stuhl, und sah ihn niemand in der
Kirche je sitzen; denn er saß allezeit auf einem kleinen
Baurenstuhl, den man Dreifuß heißet.
Er
war auch von großer Würdigkeit, denn er ward genannt
der Apostel Genoß, um der Gnade des heiligen Geistes willen,
die auf ihn niederstieg in Feuers Gestalt, ihm Kraft zu geben,
als auch den Aposteln geschah. Darum besuchten ihn auch die Apostel
gar oft als ihren Gesellen. Also lesen wir in dem besagten Dialogus,
daß einst Martinus allein in seiner Zelle saß, seine
Jünger Severus und Gallus aber vor der Tür warteten:
da fuhr unversehens ein großer Schrecken in sie, denn sie
hörten etliche Menschen in der Zelle mit einander reden.
Als sie hernach Sanct Martinum darob befragten, antwortete er
ihnen 'Ich will es euch sagen, aber ich bitte euch, daß
ihr es niemandem wollet kund tun: es waren bei mir Sanct Agnes,
Sanct Thecla und Maria die Jungfrau. Doch sprach er, daß
sie nicht allein an diesem Tage, sondern oftmals seien zu ihm
gekommen, auch sähe er oft Petrum und Paulum die Apostel.
Er war auch von großer Gerechtigkeit;
denn da er einst zu dem Kaiser Maximus war geladen, und ihm zuerst
der Becher geboten ward, vermeinten alle, er werde ihn nach ihm
dem Kaiser reichen; da gab er ihn seinem Presbyter, und hielt
also keinen für würdiger nach ihm zu trinken; und hätte
es unbillig geschätzet, so er den Kaiser oder dessen Freunde
dem Presbyter hätte vorgezogen.
Er
war auch von großer Geduld, denn er blieb in allen Dingen
so geduldig, daß er sich von seinen Clerikern oftmals ließ
beleidigen und sie doch nicht strafte, ob er gleich der oberste
Bischof war; und sie darum auch nicht ausschloß von seiner
Liebe. Niemand sah ihn je zürnen oder trauern oder lachen;
nichts anderes war je in seinem Mund denn Christus; und war in
seinem Herzen nichts anderes denn Mildigkeit, Frieden und Erbarmen.
man liest auch in dem genannten
Dialog, daß Martinus einst von ungefähr in einem wilden
Gewand auf seinem Esel dahinritt, und wehete sein schwarzer Mantel
um ihn; davon scheueten die Rosse etlicher Ritter, die ihm begegneten;
die sprangen bald zur Erde und fielen auf Martinum und schlugen
ihn hart. Er aber blieb als ein Stummer und bot ihnen den Rücken
geduldiglich; des wüteten sie noch grimmiger wider ihn,
denn es bedeuchte sie, er spüre die Schläge nicht und
achte ihrer gering. Aber alsbald blieben ihre Rosse an dem Boden
fest, und so sehr man sie schlug, so mochte man sie doch nicht
von der Stelle bringen, gleich als wären sie Felsenblöcke.
Zuletzt kamen die Ritter wieder zu dem Heiligen und bekannten
die Sünde, die sie unwissend wider ihn hatten getan; da
gab er ihnen Urlaub, und ihre Rosse gingen hin in schnellem Lauf.
Gar fleißig war er in seinem
Gebet; davon lesen wir in seiner Legende, daß er keine
Stunde oder Augenblick ließ hingehen, er lag denn dem Gebet
ob oder heiliger Lesung. Und wann er las oder wirkete, so ließ
er doch seine Gedanken nimmer vom Gebet, sondern, gleich als
die Schmiede tun, daß sie unterweilen auf den Ambos schlagen,
daß die Arbeit besser von Händen gehe, so betete Martinus
allezeit, so er ein Ding tat.
Er
war gar streng wider sich selber. Davon schreibt Severus in dem
Brief an Eusebius, daß Martinus in eine Stadt seines Bistums
Relief in der Kirche Saint-Martin-aux-Bois - Picardie
kam, da hatten die Cleriker ihm ein weich Bette bereitet mit
viel Stroh. Und da er sich niederlegte, entsetzte er sich über
die Lindigkeit des Bettes, als ihm nicht gewohnt war; denn er
pflag auf nacktem Boden zu schlafen auf einem härenen Sack.
Also wollte er das Unrecht nicht leiden, und warf das Stroh alles
heraus und legte sich auf die bloße Erde. Um Mitternacht
aber fing alles das Stroh Feuer; und da Martinus aufwachte, wollte
er hinausgehen, vermochte es aber nicht, und ward von dem Feuer
ergriffen, und brannten allbereits seine Kleider. Da kehrte er
sich zu der gewohnten Zuflucht des Gebetes und machte das Kreuzeszeichen;
da stund er unversehrt mitten in dem Feuer, und fühlte das
Feuer nicht anders als einen kühlen Tau, des Brand er zuvor
gar übel hatte gespürt. Da wurden die Mönche wach
und liefen hinzu; und meinten nicht anders, denn daß er
verbrannt wäre: da fanden sie ihn unversehrt mitten in den
Flammen und führten ihn heraus.
Sanct
Martinus war von großer Barmherzigkeit wider die Sünder,
und nahm alle an sein Herz, die da Buße wollten tun. Einst
strafte der Teufel Martinum, daß er die zur Buße
annehme, die einmal seien gefallen. Da antwortete er ihm 'So
du selbst, Elender, von der Versuchung der Menschen wolltest
lassen, und hättest Reue über deine Sünden, ich
wollte dir Christi Barmherzigkeit geloben im Vertrauen auf den
Herrn'.
Er war auch von großer
Mildigkeit wider die Armen. Davon liest man in dem vorgenannten
Dialog, daß er einst an einem Feste zur Kirche ging; da
ging ihm ein Armer nach, der war nackt; da gebot Martinus seinem
Archidiacon, daß er den Dürftigen kleide. Und da er
es nicht alsbald tat, ging Martinus selber in die Sacristei,
und gab ihm seinen Rock und hieß ihn fortgehen. Nun mahnte
der Archidiacon Martinum, daß er ginge Messe halten. Antwortete
Sanct Martin, er könne nicht gehen, ehe denn der Arme einen
Rock habe; damit meinte er sich selber. Der Archidiacon sah ihn
äußerlich mit seiner Kutte bekleidet und wußte
nicht, daß er darunter nackend war; darum sprach er, es
sei kein Armer da. Antwortete Martinus 'Man bringe mir einen
Rock, und es wird kein Armer mehr eines Gewands dürftig
sein'. Damit zwang er den Archidiacon, daß er auf den Markt
ging, und kaufte ein arm kurz Gewand um fünf Silberlinge,
das heißt man Paenula, das spricht: paene nulla, soviel
als keines; das nahm er, und warf es Sanct Martin in Zornesmut
vor die Füße. Also ging der Heilige in einen Winkel
und zog den Rock an: da gingen ihm die Ärmel bis an die
Ellenbogen und unten ging ihm der Rock bis an die Knie. Also
ging er, Messe zu halten. Aber dieweil er die Messe las, erschien
eine feurige Kugel über seinem Haupt, die ward von vielen
gesehen. Davon ward gesagt, daß er gleich sei den Aposteln.
Zu dem Wunder schreibt Meister Johannes Beleth 'Da er bei der
Messe, als es Gewohnheit ist, die Hände zu Gott aufhub,
da fielen ihm die linnenen Ärmel nieder, denn seine Arme
waren nicht dick und fleischig, und der besagte Rock ging nur
bis zu den Ellenbogen; also blieben seine Arme nackt. Da brachten
Engel goldene Ketten, geziert mit Edelsteinen, und deckten damit
seine Arme gar ehrlich'.
Einst sah er ein
geschoren Schäflein; da sprach er 'Dies hat das Gebot des
Evangelii erfüllt: es hatte zween Röcke, und hat davon
einen dem gegeben, der keinen hatte; gehet hin und tuet desgleichen'.
Sanct Martin hatte auch viel
Gewalt, Teufel auszutreiben, und erlöste viele Menschen
von ihnen. Also lesen wir in jenem Dialog, daß eine Kuh
vom bösen Geiste besessen war, die wütete allenthalben
und stieß viel Menschen zu Tod; sie fuhr auch grimmig wider
Sanct Martin, der mit seinen Gesellen daherkam; da hub er seine
Hand auf, und gebot ihr, daß sie still stünde. Alsbald
stund sie unbeweglich; da sah der Heilige den Teufel auf ihrem
Rücken sitzen, fuhr ihn an und sprach ,Weiche von diesem
Tier du böser Geist und laß ab, ein unschuldig Geschöpf
zu peinigen'. Von Stund an wich der Teufel von ihr; da fiel sie
zu des Heiligen Füßen nieder, und kehrte auf sein
Gebot zahm zu ihrer Herde zurück.
Sanct Martin hatte auch große Kunst, die Teufel zu erkennen.
Sie waren ihm also sichtbar, daß er sie deutlich unter
einem Bilde sah. Unterweilen sah er die bösen Geister in
der Gestalt Jupiters, am meisten in der Gestalt Mercurii, unterweilen
auch in der Venus oder der Minerva Bilde. Er nannte sie alle
bei Namen und schalt mit ihnen; am bösesten war ihm Mercurius;
Jupiter, sprach er, sei roh und dumm.
Einst erschien ihm der Teufel in eines Königs Gestalt, mit
Purpur und Krone und goldenen Stiefeln bekleidet, heiteren Mundes
und freundlichen Angesichts. Nachdem sie beide lange Zeit hatten
geschwiegen, sprach der Teufel 'Martine, erkenne, den du anbetest:
ich bin Christus, der auf Erden will niedersteigen; aber zuvor
wollte ich mich dir offenbaren'. Und da Martinus noch immer schwieg
und sich verwunderte, sprach der Teufel 'Martine, warum zweifelst
du und glaubst nicht, da du mich siehest? Ich bin Christus'.
Da gab Sanct Martino der heilige Geist ein, daß er sprach
'Mein Herr Jesus Christus hat nicht gesagt, daß er in Purpur
kommen wollte und mit gleißender Krone; darum glaube ich
nicht, daß er es sei, so ich ihn nicht in der Gestalt sehe,
in der er litt, und die Wundmale der Kreuzigung an ihm erkenne'.
Bei diesen Worten verschwand der Teufel und ließ die ganze
Zelle voll Stankes.
Sanct Martin wußte
seinen Tod lange Zeit voraus und tat ihn auch seinen Brüdern
kund, Zu der Zeit fuhr er in die Diöcese von Cande, einen
Streit daselbst zu schlichten; da sah er auf dem Wege, wie Tauchvögel
den Fischen nachstellten und etliche fingen. Da sprach er 'Also
machen es die Teufel: Sie stellen den Unfürsichtigen nach
und fangen sie unversehens, verschlingen sie und werden doch
davon nicht ersättigt'. Darnach gebot er den Vögeln,
daß sie das Wasser verließen und an einen wüsten
Ort gingen. Da flogen sie alsbald auf in einer großen Schar
und strebten dem Wald und den Bergen zu.
Als er in der vorgenannten Diöcese nun eine Zeit verweilt
hatte, begann er abzunehmen von seines Leibes Kräften; und
sprach zu seinen Jüngern, daß seine Auflösung
nahe sei. Da weinten sie allesamt und sprachen 'Vater, warum
willst du uns verlassen? Willst du uns hinter dir lassen ohne
Trost? Denn grimmige Wölfe werden in die Herde deiner Schäflein
fallen'. Da ward er von ihren Bitten und Tränen bewegt und
weinte mit ihnen und betete also 'Herr, bin ich deinem Volke
noch not, so will ich mich der Arbeit nicht weigern, dein Wille
geschehe'. Das sprach er in einem Zweifel, denn er verließ
die seinen nicht gerne, und mochte doch auch von Christo nicht
länger sein geschieden. Da er nun eine Zeit im Fieber lag,
baten ihn die Jünger, daß er in sein Bett, darin er
in Sack und Asche lag, etwas Stroh tue. Sprach er 'Lieben Söhne,
es ziemt nicht, daß ein Christ anders denn in Sack und
Asche sterbe; gäbe ich euch ein ander Beispiel, so täte
ich große Sünde'. Augen und Hände aber hielt
er immer zum Himmel empor gerichtet, und sein unbesiegter Geist
wandte sich nicht ab vom Gebet. Da er allezeit auf dem Rücken
lag, baten ihn die Priester, daß er sich zur Seite wende,
damit der Leib durch die Änderung der Lage etlichermaßen
werde erleichtert. Er aber sprach 'Lasset mich liegen, daß
ich den Himmel anschaue und nicht die Erde, damit der Geist zum
Herrn werde gerichtet'. Als er solches sprach, sah er den Teufel
neben sich stehen. Da sprach er 'Was stehest du hier, du blutig
Tier? Du findest nichts Unreines an mir, ich werde kommen in
Abrahams Schoß'.
Mit diesen Worten gab er seinen Geist zu Gott, seines Alters im einundachtzigsten
Jahr, zu den Zeiten, da Arcadius und Honorius regierten, die
zur Herrschaft kamen um das Jahr des Herrn 390. Sein Antlitz
leuchtete als sei es schon verklärt; und ward daselbst der
Engel Gesang von Vielen vernommen.
Nach
seinem Hingang kamen die von Poitiers und Tours zusammen, und
stund ein großer Krieg auf zwischen ihnen. Die von Poitiers
sprachen 'Unser ist er als Mönch, wir wollen ihn wiederhaben,
der uns befohlen ward'. Die von Tours sprachen 'Er ist euch genommen
worden und uns von Gott gegeben'. Um Mitternacht entschliefen
die von Poitiers alle, da ward der Leichnam von den anderen zum
Fenster herausgelassen, und auf der Loire in einem Kahn gen Tours
geführt.
Sanct Severinus aber der Bischof
von Cöln umging des Sonntags nach der Frühmette die
heiligen Stätten als seine Gewohnheit war, da hörte
er um dieselbe Stunde, da der heilige Mann verschieden war, die
Engel im Himmel singen; da rief er seinen Archidiacon und fragte
ihn, ob er etwas höre. Der sprach, er höre nichts.
Da mahnte ihn der Erzbischof, er sollte mit Fleiß hören;
also streckte er den Hals in die Höhe, reckte die Ohren
und stund auf den Fußspitzen auf seinen Stab gestützt.
Und da der Erzbischof für ihn betete, sprach er, daß
er etliche Stimmen im Himmel höre. Da sprach der Bischof
'Mein Herr Martinus ist von dieser Welt geschieden, und die Engel
tragen seine Seele gen Himmel'. Es waren auch Teufel da, die
wollten ihn zurückhalten, aber da sie nichts an ihm fanden,
was ihnen mochte zugehören, so mußten sie beschämt
von hinnen weichen. Der Archidiacon aber merkte sich Tag und
Stunde und erfuhr darnach, daß Martinus um diese Zeit gestorben
war.
Dem Mönch Severus aber,
der sein Leben beschrieben hat, geschah es, daß er nach
der Frühmette in einen leichten Schlaf fiel, als er selbst
in einem Briefe bezeugt; da erschien ihm Sanct Martin in weißem
Gewande, mit feurigem Angesicht, seine Augen blinkten als die
Sterne und sein Haar war wie Purpur; er hielt das Buch in seiner
Rechten, das Severus von seinem Leben hatte geschrieben, segnete
ihn und stieg darnach wieder auf gen Himmel; und da Severus mit
ihm wollte aufsteigen, erwachte er. Nicht lange darnach kamen
Boten und sagten ihm, daß Sanct Martin in derselbigen Nacht
gestorben sei.
An demselben Tage
geschah es auch, daß Sanct Ambrosius, der Bischof von Mailand,
Simone Martini: Ambrosius träumt während der Meßfeier von Martin.
Martinskapelle in der Unterkirche von San Francesco in Assisi.
Um 1315 © Gerhard Ruf
da er die Messe las, über dem Altar zwischen den Propheten
und der Epistel entschlief. Da wagte ihn niemand zu wecken, und
der Subdiacon trauete sich ohne sein Gebot nicht die Epistel
zu lesen; als aber zwei oder drei Stunden waren vergangen, weckten
sie ihn dennoch und sprachen 'Schon ist die Stunde vorüber
und das Volk ist müde und harret; so möge unser Herr
gebieten, daß der Cleriker die Epistel lese'. Da antwortete
Ambrosius 'Laßt euch des nicht betrüben, denn wisset,
mein Bruder Martinus ist gestorben, und ich bin bei seinem Begängnis
gewesen und hab es mit Feier begangen; aber da ihr mich wecktet,
so mochte ich die letzte Respons nicht vollbringen'. Da merkten
sie sich den Tag und die Stunde, und fanden, daß Sanct
Martin um diese Zeit gen Himmel sei gefahren.
Es schreibt Magister Johannes Beleth, daß die Könige
von Frankreich die Sitte hatten, Sanct Martini Kappe mit ihnen
zu tragen, wann sie sollten zu Streit fahren; davon wurden sie
genannt Kappellani, weil sie der Kappen hüteten.
Nach seinem Tode im vierundsechzigsten Jahre weiterte der selige
Perpetuus die Kirche des Heiligen mit großer Pracht und
wollte seinen Leichnam darein überführen; aber ob sie
gleich zu dreien Malen mit Fasten und Wachen darum baten, so
mochten sie doch seinen Sarg in keiner Weise bewegen. Also wollten
sie es lassen; da erschien ihnen gar ein schöner Greis und
sprach 'Was säumet ihr? Sehet ihr nicht, daß Sanct
Martin bereit ist, euch zu helfen, so ihr Hand anleget?' Also
legte er mit ihnen Hand an, und sie hoben den Sarg mit großer
Schnelligkeit und setzten ihn an die Statt, da er nun verehrt
wird. Den Greis aber sah man hernach nimmermehr. Diese Überführung
wird im Monat Juli gefeiert.
Man erzählt auch, daß zu der Zeit zwei Gesellen waren,
der eine blind, der andre lahm. Der Blinde trug den Lahmen auf
dem Rücken, und der Lahme wies dem Blinden den Weg, also
bettelten sie mit einander und verdienten großes Gut. Die
hörten sagen, wie bei Sanct Martins Leichnam viele Kranke
Martins Leichnam wird ins Schiff gebracht und nach Tours geführt.
Miniatur aus dem Sacramentaire de Tours (12. Jhdt.)
Tours, Bibliothèque municipal, MS 193
wären gesund worden. Und da sein Leib am Tag seiner Überführung
in Procession um die Kirche wurde getragen, wurden sie bange,
der Leib möchte bei dem Haus vorüber geführt werden,
da sie wohnten, und sie möchten also von ungefähr geheilt
werden; sie wollten aber nicht gesund werden, damit die Ursache
ihres Gewinstes nicht von ihnen genommen werde. Darum flohen
sie aus der Straße und gingen in eine andere Gasse, dadurch
der Leichnam, als sie glaubten, nimmermehr mochte geführt
werden. Aber da sie flohen, begegneten sie ihm alsbald unversehens;
und weil Gott den Menschen manche Wohltat tut wider ihren Willen,
wurden sie alle beide gegen ihren Willen gesund; doch waren sie
darob gar betrübt. Ambrosius sagt
von Sanct Martino dieses 'Sanct Martinus hat zerstört viel
Tempel des heidnischen Irrglaubens, und hat aufgerichtet die
Feldzeichen aller Mildigkeit; er hat die Toten erweckt und die
bösen Geister aus besessenen Leibern getrieben, mannigerhand
Gebresten hat er den Menschen abgenommen mit der Hilfe des Heils.
Er ward so vollkommen erfunden, daß er Christum deckete
in dem Armen, und mit dem Gewand, das er dem Dürftigen gab,
den Herrn der Welt kleidete. O du selige Mildigkeit, die Gott
selber wirket! O du heiligen Mantels Teilung, da der König
bekleidet wird und sein Ritter! Unschätzbares Geschenk,
das die Gottheit durfte bekleiden! Herr, billig hast du ihm den
Lohn deines Bekenntnisses gegeben; billig ward die Falschheit
der Arianer ihm untertan; billig kam ihn durch Liebe zur Marter
keine Furcht an vor der Pein der Verfolger. Was willst du ihm
erst geben für das Opfer seines reinen Leibes, da er dich
kleiden durfte und du dich ihm erzeigtest für das Stück
eines geringen Mantels? Also brachte er Heil denen, die hofften:
daß er die einen rettete durch seine Fürbitte, die
andern durch seinen Anblick'.
Die Holzschnitte stammen aus dem Werk "La vie et
miracle de Monseigneur S. Martin",
1496 in Tours gedruckt von Mathieu Latheron.
Jacobus de Voragine: Die Legenda Aurea. Aus dem Lateinischen von Richard Benz.
© Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh
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