M. Friedrichsen

Waldmärchen

Jugend-Verlag Charlottenburg

Freund Rabe

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In einem kleinen, armseligen Dorfe standen in geringer Anzahl niedrige, mit Stroh gedeckte Hütten.

Die Armut kennzeichnete sie fast alle. Des Dorfes größter Reichtum war eine große Kinderschar.

Mit bloßen Füßen und dürftigen Röcken tummelten sie sich an dem schönen Sommertage lustig auf der Dorfstraße herum.

Die Sonne schien hell; die Vöglein zwitscherten und jubelten mit der frohen Kinderschar um die Wette, überall war fröhliches Leben; nur ein kleines Mädchen saß einsam vor der verschlossenen Tür eines Häuschens und weinte bitterlich.

Die arme Kathi war es; sie hatte in kurzer Zeit Vater und Mutter verloren.

Einsam und verlassen stand die Kleine in der Welt und hoffte, daß gutherzige Leute sich ihrer annehmen würden.

Wer aber sollte es tun? Die Leute im Dorf waren fast alle sehr arm und hatten viele Kinder. Bis jetzt hatte sich noch niemand bereit gezeigt, die arme Waise ins Haus zu nehmen. Heute war sie bei diesem und morgen bei jenem; aber nirgends war sie daheim.

Darüber war Kathi traurig und lief voll Sehnsucht nach dem elterlichen Hause.

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Die Tür war verschlossen; sie guckte durchs niedrige Fenster in die Stube hinein.

Wie öde war es darin und wie still!

Da war der Kamin, wo die Mutter so oft ein hell flackerndes Feuer angezündet, um die Suppe zu kochen. Da stand das kleine Fußbänkchen, das der Vater ihr gemacht.

Ach, da hing auch seine kurze Pfeife! Wie oft hatte sie ihm ein brennendes Spänchen zum Anzünden bringen müssen.

Sehnsucht nach den Eltern ergriff die arme Kathi; sie setzte sich auf die Türschwelle, drückte ihr Gesicht in die Hände und schluchzte laut. Unberührt lag das Frühstücksbrot ihr im Schoß.

Plötzlich sagte eine rauhe, fremdartige Stimme neben ihr: "Mich hungert!"

Erstaunt blickte Kathi auf und sah neben sich auf der Schwelle einen großen Raben sitzen.

"Du hast Hunger?" fragte sie den Vogel, während ihr die Tränen noch über die Wangen liefen.

"Ja!" erwiderte der Rabe, "ich sagte es schon."

"Da, nimm von meinem Brot!" rief die Kleine. "Es bleibt noch genug für mich!"

Mit diesen Worten brach Kathi ein Bröckchen nach dem andern von ihrem Brot ab und warf sie dem Vogel hin; dazwischen schluchzte sie noch zuweilen auf, und ein tiefer Seufzer stieg aus ihrer Brust empor.

Pick! nahm der Rabe eine Krume.

"Warum bist du denn so traurig?" fragte er.

"Meine Eltern sind beide gestorben."

Pick! wieder ein Bröckchen.

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"Das ist traurig für dich," sagte der Vogel. "Bei wem bist du denn jetzt?"

"Ach, niemand kann mich aufnehmen. Hier sind alle Leute so arm."

"Das ist schlimm! Pick, pick, pick! Wie heißt du denn?"

"Kathi! Und du?"

Da wetzte Kathis Gast seinen Schnabel einmal hin und einmal her, setzte sich in Positur und sagte stolz: "Ich heiße Freund Rabe! - Gib mir nicht die Rinde vom Brot; sie ist mir zu hart. Wie alt bist du denn?"

"Vierzehn Jahre und 9 Monate."

"Hm, dafür bist du ziemlich klein; aber du bist noch im Wachstum. So, danke recht sehr fürs Brot. Es hat mir sehr gut geschmeckt; aber nun bist du zu kurz gekommen."

"Es schadet nichts," erwiderte Kathi "ich habe keinen Hunger."

"Höre, Kathi!" begann Freund Rabe von neuem. "Ich habe dir einen Vorschlag zu machen."

"Was für einen Vorschlag hast du denn?" fragte Kathi erstaunt.

"Geh mit mir; wenn du mutig und brav bist, kann ich dir vielleicht zu großem Glück verhelfen."

"Ach," seufzte die gespannt Aufhorchende, "ich frage nichts nach Glück. Was soll es nützen, danach zu laufen!"

"Nun," erwiderte ihr gefiederter Freund, "man kann doch auch helfen, andere glücklich zu machen. Und ich weiß so einen Jemand. Besinne dich nicht lange und versuche dein Heil in der Fremde."

"Wohin willst du mich denn führen?" fragte seine Zuhörerin.

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"Es ist ein weiter Weg!" erklärte er. "Ich werde dir schon sagen, wenn wir am Ziel angelangt sind; aber wir müssen sogleich aufbrechen."

"Jetzt gleich?" rief Kathi bestürzt, "ohne Abschied zu nehmen?"

"Ja, das Abschiednehmen kenne ich," spottete Freund Rabe. "Daraus wird nichts! Geweint hast du schon genug, und vermissen tut dich auch niemand. Ich will versuchen, dir ein Unterkommen zu verschaffen. Also besinne dich nicht lange und folge mir. Verlaß dich auf mich; ich meine es gut mit dir."

Kathi zögerte noch; sie sah ängstlich auf Freund Rabe nieder, der neben ihr auf der Schwelle saß.

Da rief der Vogel ärgerlich: "Nun, wenn du kein Vertrauen zu mir hast, so will ich dir meine Führerschaft nicht aufdrängen; aber das glaube mir, du wirst es dein Leben lang bereuen."

Als Kathi erkannte, daß ihr neu gewonnener Freund böse geworden, und bemerkte, daß er seine Flügel lupfte, um davonzufliegen, sprang sie schnell auf, schüttelte sich die Brotkrumen vom Schoß und sagte entschlossen: "Ich will mit dir gehen."

"So ist's recht!" rief der Rabe erfreut und belehrte sie dann folgendermaßen: "Jetzt nimmst du mich in den Arm; nennst mich - der Kürze wegen - schlechtweg "Hans" und befolgst pünktlich alles, was ich dir rate!"

Nachdem Kathis Entschluß, mit dem Hans in die weite Welt zu wandern, einmal gefaßt war, zögerte sie nicht länger, seinen Befehlen zu gehorchen; sie hob ihn von der Schwelle,

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nahm ihn in den Arm und schlug den Weg nach dem Walde zu ein; denn dahin hatte er mit dem Kopfe genickt.

"Rechts gehen!" sagte Hans.

Kathi befolgte seinen Rat, und es zeigte sich bald, daß Hans ein sehr kluger Vogel war; nicht allein, daß er genau den Weg bestimmen konnte, den sie einschlagen mußten, sondern er sorgte auch dafür, daß sie zur rechten Zeit an eine Stelle des Waldes kamen, wo recht viele saftige Beeren standen, damit sie ihren Hunger und Durst stillen konnten.

Zuweilen, wenn sie durch ein Dorf kamen, flog er voraus und holte einen Käse vom Käsebrett der Bauernfrau, das diese zum Trocknen der Käse in die Sonne gestellt hatte.

Oder er flog zum Bäcker des kleinen Städtchens und raubte geschickt eine frische Semmel aus dem Korbe des Bäckerjungen, damit Abwechslung in die tägliche Nahrung kam.

Für die Nacht suchte er Unterkunft für Kathi, bald bei einem Köhler im Walde, bald in einem leeren Schäferkarren oder auch im duftigen Heu. Hans blieb in Kathis Nähe auf einem Baum. Zuweilen konnte er sich auch in altem Gemäuer verbergen.

Die junge Wanderin hatte ihren Hans sehr lieb gewonnen; denn er hatte sie der Traurigkeit um ihre Eltern entrissen und zeigte ihr bei jeder Gelegenheit, wie besorgt er für sie war. Kathi war so von Dank erfüllt, daß sie ihr Leben für ihren Hans gelassen hätte.

Endlich, nach langem, langem Wandern lag eines Tages, als sie aus dem Walde heraustraten, ein schönes Schloß vor ihnen, das von einem freundlichen Städtchen umgeben war.

"Hier sind wir am Ziel," sagte Freund Rabe, und es

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Freund Rabe - der Urururgroßvater Karl Krächzersklang Kathi wie ein Seufzer; auch verhielt sich Hans einige Augenblicke ganz still und sah unverwandt nach dem schönen Schloß hinüber.

Endlich begann er folgendermaßen: "Setz dich hier zu mir ins Gras! Ich mache es mir auf diesem niederen Zweiglein bequem, und dann höre aufmerksam auf das, was ich dir zu sagen habe."

Kathi befolgte seinen Wunsch. Hans wetzte seinen Schnabel und begann zu erzählen: "Angesichts dieses Schlosses erinnere ich dich daran, daß ich zu dir sagte: man könne auch versuchen, andere glücklich zu machen."

"Ja," erwiderte Kathi einfach.

"Nun wisse," hob Freund Rabe wieder an, "dort im Schlosse, das eine so glänzende Außenseite zeigt, wohnt ein sehr trauriger, ganz verlassener, alter König."

"Nicht möglich!" rief Kathi erstaunt. "Erzähle weiter!"

Hans fuhr fort: "Einst war dieser König sehr glücklich; er hatte eine Gemahlin und sechs blühende Söhne. Die Gemahlin und fünf Söhne sind ihm gestorben, und der sechste Knabe, der jüngste von allen, ist von einer Hexe geraubt und auf rätselhafte Weise verschwunden."

"Wie schrecklich!" sagte Kathi und betrachtete das Schloß mit der größten Teilnahme.

"Was tat nun der König?" fragte sie gespannt.

"Der König war außer sich vor Schmerz!" erwiderte Hans. "Der Verlust des letzten Sohnes war ihm fast das Schmerzlichste; er ließ das ganze Land durchsuchen - vergebens. Er bot große Belohnungen für den Retter -

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alles vergeblich! - Da ließ er sich eine Sibylle oder Wahrsagerin kommen . . ."

"Und die wußte es?" fiel Kathi hastig ein.

"Nein, nur Geduld," ermahnte Freund Rabe. "Sie entrollte große Pergamente, braute Elexiere, kochte, rührte und rechnete. Danach kam sie mit folgender Weissagung."

Kathi rückte unwillkürlich näher.

"zuerst überreichte sie dem König eine große Pergamentrolle, entfaltete sie und erklärte ihm die Nummern, die darauf waren; dann sprach sie einige geheimnisvolle Segenswünsche darüber und sagte feierlich:

'Forsche nicht länger nach deinem Sohn!

Aber leer verbleibt dein Thron,

Wenn sich, o König, niemand fände,

Der diese drei Wunder zu lösen verstände.'

Bei diesen Worten deutete sie auf die Rolle in des Königs Hand, und dann war sie plötzlich verschwunden.

"Das verstehe ich nicht," sagte Kathi.

"Nur Geduld!" grollte Hans. "Ich muß mich erst etwas verpusten. Mein Hals ist schon ganz trocken."

Er wetzte einigemal seinen Schnabel an dem Zweig, auf dem er saß, hin und her, kraute sich den Kopf, trat von einem Fuß auf den andern, streckte die Pfote und den Flügel nach hinten aus und sträubte die Federn.

Dann erst fuhr Hans fort: "Was ist daran viel zu verstehen? Es soll heißen: bevor nicht jemand die drei Wunder vollbringt, die in den Pergamenten aufgezeichnet sind, muß der König in seiner Betrübnis und Verlassenheit verbleiben."

"Ist es denn wirklich noch keinem geglückt, die Wunder zu vollbringen?" fragte Kathi mitleidig.

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"Ich sagte dir doch schon, daß dort im Schloß ein einsamer, trauriger König wohne. Schon viele haben sich an den Wundern versucht. Prinzen und Prinzessinnen; aber alle sind unverrichteter Sache wieder fortgezogen . . ."

"Wie traurig!" seufzte Kathi.

"Auch versuchte der König, einen Sohn oder eine Tochter ohne die Wunder bei sich aufzunehmen; aber sie sind alle verunglückt, und er hat eingesehen, daß eine böse Macht Gewalt über ihn habe."

"Und was soll denn nun geschehen, Hans?" fragte seine Zuhörerin erwartungsvoll.

Da reckte sich Freund Rabe in die Höhe, schaute Kathi mit klugen Augen an und rief: "Jetzt wirst du versuchen, die drei Wunder zu vollbringen!"

"Ich?!" schrie Kathi auf, sprang vom Rasenhügel empor und sah ganz entsetzt auf ihren gefiederten Freund.

"Ja, du!" wiederholte er.

"Wie sollte es mir gelingen," jammerte sie, "eine so schwere Aufgabe zu vollbringen, an der Prinzen und Prinzessinnen scheiterten? Nein, das kann ich nicht!"

"Du wirst es können!" sagte Hans ermutigend. "Versuche es um meinetwillen; ich will dir helfen, soviel ich kann."

Freund Rabe sah bittend zu Kathi auf, daß sie nicht mehr Widerstand zu leisten vermochte; zärtlich strich sie über sein glänzend schwarzes Gefieder und sagte tröstend: "Ich will es ja gern versuchen, mein Hans, wenn du es so wünschest; aber nützen wird es nichts."

"Nur nicht ängstlich, Kathi!" ermutigte Hans sie. "Im schlimmsten Falle bleibt der König wieder einsam, und wir

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ziehen des Weges weiter. Jetzt höre, was ich dir zu sagen habe!"

"Ich höre, Hans!"

"Vor allen Dingen," erklärte er ihr, "verbirgst du mich von nun an unter deiner Jacke; denn ich darf von niemand gesehen werden."

"Schön, Hans! Also weiter!"

"Dann gehst du tapfer auf das Schloß zu und ins große Portal hinein. Dort verlangst du, vor den König Bamborius geführt zu werden."

"Gleich vor den König?" fragte Kathi.

"Gewiß," erklärte Hans. "Du sagst ihm: du habest die Absicht, die drei Wunder zu vollbringen, und bätest darum, dir die Aufgaben zu nennen."

"Ach, Hans! Ich habe solche Furcht."

"Nur vorwärts!" rief Freund Rabe. "Dann vergeht die Furcht. Ich werde dir getreulich raten, wie du es anfangen sollst."

Da schüttelte Kathi den Staub von den Füßen, nahm ihren Hans unter die Jacke und ging festen Schrittes auf das Schloß zu.

"Noch eins!" rief Hans unter der Jacke hervor.

Kathi lüftete die Jacke ein wenig, um zu erlauschen, was er noch zu bemerken habe.

"Wisse," raunte er hervor, "es ist auch ein heftiger Gegner des Königs im Schlosse anwesend. Das ist sein Vetter, der auf den Thron wartet. Ich rate dir, diesen finsteren, rachsüchtigen Mann nicht zu erzürnen!"

Jetzt näherte sich Kathi dem Schlosse. Es war ein herr-

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liches Gebäude mit Türmen, Bogenfenstern und zackigen Giebeln.

Kathi war es unmöglich zu glauben, daß darin ein trauriger König wohnen sollte.

Sie trat in das breite Portal. Staunend blieb sie stehen.

Breite Marmortreppen, die mit kostbaren Teppichen belegt waren, führten nach oben hinauf.

Große Bogenfenster mit Glasmalerei ließen den Raum in allen möglichen Farben schimmern.

Diener in seidenen und goldbesetzten Livreen liefen hin und her. Dicht am Fuße der Treppe standen zwei Hellebardiere als Wachen.

Einer von ihnen trat auf Kathi zu, und weil sie bei all diesem Glanz wie versteinert stand, tippte er sie auf die Schultern und rief barsch: "Was willst du hier? Es darf hier nicht gebettelt werden!"

Stolz hob Kathi den Kopf und sagte: "Ich bettele nicht, sondern ich will zum König, um die drei Wunder zu vollbringen."

"Ha, ha, ha!" lachte der Soldat hell auf, sah sie spöttisch an und rief: "Du die drei Wunder vollbringen?! Was nicht einmal den vornehmen Prinzen und Prinzessinnen gelang?"

Da kam ein prächtig gekleideter Diener die Treppe herab.

Der Soldat rief ihm belustigt zu: "Johann! Hier ist unsere neue Wunderprinzessin, die zum König geführt werden will."

Johann trat näher und betrachtete den neuen Ankömmling prüfend und mitleidig von oben bis unten; aber dennoch sagte er freundlich: mein Kind, du scheinst ja viel Mut zu haben! Und dafür allein möchte ich dich zum Könige führen,

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um unserem traurigen Herrn eine kleine Zerstreuung zu verschaffen."

Dann trat der Diener einen Schritt zurück, schaute kopfschüttelnd auf den Ankömmling und sagte: "Aber du siehst zu armselig aus, deine Kleider sind zu schlecht; besonders die Jacke ist zu abgetragen. Damit kannst du nicht vor dem König erscheinen."

Nachdenklich besann sich Johann auf Abhilfe und sagte endlich erleichtert: "Da fällt mir ein, daß ich in der Garderobe vielleicht etwas für dich habe."

Mit diesen Worten verschwand er eilig in einer Seitentür.

Kathi blieb in Angst und Sorge um ihren Hans, den sie unter der Jacke hatte, zurück.

Bald kam der Diener; er hatte einen seidenen Mantel über den Arm geschlagen.

"So!" sagte Johann zu der kleinen Bittstellerin und faßte an den Ärmel ihrer Jacke, um sie ihr herunterzuziehen.

"Gib das schlechte Ding her und nimm dafür diesen Mantel um!"

"Ach, lieber Herr," bat ihn Kathi flehend, "laßt mir die Jacke! Ich kann ja vielleicht den Mantel darüber nehmen."

"Sieh einer!" rief der Hellebardier lachend. "Das schlaue Ding hat wahrscheinlich kein Hemd an! Laß sie gehen, Johann; sie hat schon genug Angst ausgestanden!"

Obgleich sich Kathi sehr über den Spötter ärgerte, mußte sie - ihrem Hans zuliebe - seine boshaften Reden schweigend hinnehmen und war froh, als der Diener ihr den Mantel umlegte; darauf gebot er: "Folge mir!"

Er führte sie die mit Teppichen belegte Treppe hinauf.

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Kathi wagte kaum aufzutreten; denn sie fürchtete, die bunten Blumen in den Decken zu beschmutzen. Oben angelangt, kamen sie in einen großen Vorsaal. Der Kammerdiener des Königs ging darin auf und nieder; er sah sehr mürrisch und unfreundlich aus.

Johann sagte respektvoll: "Diese Kleine wünscht den König zu sehen."

Aber der Kammerdiener rief zornig: "Seine Majestät darf so früh nicht gestört werden! Das wissen Sie so gut wie ich, Johann! Er kann auch nicht jeden anhören, der etwas zu bitten hat."

Dann herrschte er Kathi an: "Komm ein anderes Mal, zu einer passenderen Zeit wieder! Marsch, fort mit dir!"

In demselben Augenblick wurde eine Tür geöffnet, und der König Bamborius selbst trat heraus. Er hatte eine schlechte Nacht gehabt und war deshalb ungewöhnlich früh aufgestanden.

Es war ein freundlicher, alter Herr, der weder Krone noch Zepter hatte und gar nicht aussah, wie sich Kathi einen richtigen König vorstellte; aber seine Miene war so vornehm und die Haltung der Diener so respektvoll, daß Kathi daran gleich erkannte, wen sie vor sich hatte.

"Seit wann werde ich denn gar nicht gefragt, ob ich die Leute vorlassen will oder nicht?" fragte der König streng und sah den Kammerdiener strafend an.

"Und dann," fuhr er fort, "bitte ich mir aus, weniger grob zu sein."

Der Kammerdiener stammelte verlegen einige Entschuldigungen. Dabei streifte er Kathi mit einem wütenden Blick;

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denn sie war nach seiner Meinung die Ursache der Zurechtweisung.

Der König aber winkte Kathi mit der Hand und sagte gütig: "Komm herein, liebes Kind, und trage mir deine Wünsche vor!"

Ängstlich und schüchtern folgte Kathi dem voranschreitenden König durch die weiten Hallen, und Hans flüsterte ermutigend aus seiner Verborgenheit: "Nur keine Angst, Kathi!"

Wieder war sie von der Pracht und dem Glanz des königlichen Zimmers, das sie betraten, wie geblendet. Seide und Sammet, Gold und Silber wechselten darin ab, und sie konnte sich nicht satt sehen an den herrlichen Sachen und Prunkstücken.

Indessen hatte sich der König Bamborius in einen schönen Sessel mit goldener Lehne niedergelassen; er winkte seinen Gast zu sich heran und fragte: "Wie heißt du, mein Kind? Und was wünschest du von mir?"

"Ich werde Kathi genannt," erwiderte sie vertrauensvoll, "und bin gekommen, um die drei Wunder zu vollbringen."

"Die drei Wunder zu vollbringen . .," rief der König erstaunt und sah sie ungläubig an.

Dann seufzte er schmerzlich auf, strich ihr liebkosend über die rosigen Wangen und sagte traurig: "Armes Kind, du weißt nicht, wie schwer die Aufgabe ist, an die du dich wagst. Überlege es dir wohl; denn doppelt betrübt werde ich sein, wenn du mich wieder verlassen mußt. Ist es dein ernster, fester Wille, einen Versuch zu machen?"

"Ich will es versuchen, Herr König," gab Kathi fest zur Antwort.

"Nun, so geh, liebe Kleine," sagte der König darauf freu-

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digen Tones. "Es soll dir ein Zimmer angewiesen werden, worin du dich von deiner Reise ausruhen kannst. Du wirst dort Kleider und Dienerinnen erhalten, damit du in angemessener Tracht vor meinem Hofstaat erscheinen kannst. - Bis dahin gehab dich wohl!"

Der König klingelte.

Sofort erschien der Kammerdiener.

"Ich wünsche einen Pagen," befahl der König, "der meinen Gast in sein Zimmer führt."

Sogleich kam ein lieblicher Page und führte Kathi durch weite Korridore und Prunkgemächer in das für sie bestimmte Zimmer.

Kaum war Kathi eingetreten, und der Page hatte sich entfernt, da rief Hans, der bisher mäuschenstill unter der Jacke gesessen hatte: "Kathi! Setze mich schnell auf die Erde, damit ich mich verstecken kann."

Schnell tat sie, was er wünschte.

Da lupfte Freund Rabe seine Flügel, wedelte damit einigemal hin und her und sagte: "Ach, was habe ich für eine Hitze ausgestanden! Es war sicherlich gut, daß in deiner Jacke unter dem Ärmel ein Luftloch ist; sonst wäre es zum Ersticken gewesen."

"Armer Hans!" bemitleidete ihn Kathi.

"So!" fuhr er fort, "und nun kommt noch eine Rutschpartie auf diesem miserabel glatten Fußboden!"

Halb gleitend, halb flatternd erreichte er eilend und mit Mühe einen lang herabschleppenden Damastvorhang, hinter dem er sich schnell verbarg; dann steckte er seinen Kopf knapp

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hervor und raunte: "Nun höre wohl zu, Kathi, was ich dir rate!"

"Ich habe acht, mein Hans," sagte sie und zitterte ein wenig.

"Gib genau acht, was dir der König als erstes zu tun gibt.

Und teile es mir hier Wort für Wort mit; vor allen Dingen verrate mich nicht und stecke auch etwas Brot für mich in die Tasche."

Da ging die Tür auf.

Hans verschwand blitzschnell hinter dem Vorhang.

Es trat eine Kammerfrau ein, gefolgt von Dienerinnen, welche schöne Kleider trugen.

Kathi wurde so herausgeputzt, daß sie sich kaum wiedererkannte; ihre langen, blonden Flechten dufteten, als wären sie in Rosen getaucht, so waren sie mit feinen Ölen getränkt.

Ein Glockenzeichen rief, als sie fertig war, den zierlichen Pagen wieder herbei, der sie zum König führen sollte. Wieder ging der Page mit ihr über die weiten Korridore.

Auf diesem Wege trat der erzürnte Kammerdiener mit finsterem Gesicht an sie heran und sagte drohend: "Bilde dir nur nicht ein, daß es dir gelingt, die drei Wunder zu vollbringen; ich will schon dafür sorgen, daß es dir so schwer wie möglich gemacht wird!"

Obgleich Kathi durch diese Drohung eingeschüchtert wurde, hielt ihre Angst bei all den neuen, fremdartigen Eindrücken nicht lange vor, und voll Zuversicht trat sie in das Zimmer des Königs.

Hier wurde sie mit köstlicher Schokolade und Backwerk bewirtet, und der König hatte eine wahre Freude daran, zu sehen, wie es seinem jungen Gast schmeckte.

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Als das Frühstück beendet war, mußte Kathi dem König ihre Erlebnisse erzählen und rief damit die größte Teilnahme ihres Zuhörers hervor.

Dann nahm der König das Wort und sagte zu Kathi: "Du wirst von nun an, solange du im Schlosse weilst, bei deinem vollen Namen: Katharina, genannt werden. Und da du nicht als Prinzessin geboren bist, so heißt du von nun an: "Dame Katharina." Kathi nickte zustimmend.

Da begann der König wieder: "Hältst du an dem Vorsatz, die drei Wunder auszuführen, auch jetzt noch fest?"

"Ich halte daran fest!" antwortete die Gefragte mit bang klopfendem Herzen.

"So wirst du mit mir zur feierlichen Vorstellung bei meinem versammelten Hofstaat gehen. Dorf wirst du zugleich erfahren, was du als erstes Wunder zu vollführen hast."

Der mürrische Kammerdiener trug seinem Herrn Krone, Zepter und Hermelin herbei; dann schritt der König voran und winkte Kathi, ihm mit ihrem Pagen zu folgen.

Einige Ritter und Edelknaben erwarteten den König vor der Tür seines Zimmers. Von diesen wurden sie in einen großen Saal geleitet, in welchem alle zum Hofstaat Gehörigen schon versammelt waren.

Bei diesem Anblick vergaß Kathi alle Bangigkeit. Ganz überwältigt von allem Glanz und so viel Pracht schaute sie mit weit geöffneten Augen auf die versammelte Menge im Saal.

Seidene Gewänder rauschten, Federn umwallten stolz getragene Hüte, Gold und Edelsteine blitzten und funkelten.

Kathi war wie geblendet und merkte gar nicht, daß die Damen und Herren des Hofstaates einander spöttische Blicke

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zuwarfen und die kleine Person belächelten, die sich an eine so schwere Aufgabe wagen wollte.

Etwas abgesondert von den übrigen Versammelten stand eine dunkle Gestalt. Dunkel war ihr Panzer und ihr Helm.

Von dem Helm senkten sich drei große, schwarze Federn hernieder.

Als Kathi mit erstaunten Blicken diese Gestalt betrachtete, flüsterte ihr der Page zu: "Das ist der Vetter des Königs!"

Inzwischen hatte sich der König auf seinen Thron gesetzt, und dicht daneben stand auch ein kleines Thrönchen für Kathi bereit, auf welchem sie Platz nehmen mußte.

Friedliche Stille trat ein, und der König sprach laut zu den Versammelten: "Allen hier Anwesenden meines Hofes stelle ich Dame Katharina vor; sie hat die Absicht, die drei Wunder zu vollbringen, um meinem vereinsamten Thron eine neue Zierde zu werden."

Er gab Kathi ein Zeichen, sich zu erheben.

Kathi befolgte den Wink und machte einen zierlichen Knicks. Alle Herren und Damen erwiderten ihn durch tiefe Verbeugungen.

Hierauf trat der Zeremonienmeister vor, der einen langen Stab mit goldenem Knopf in der Hand hatte.

Mit diesem Stab klopfte er - zum Zeichen, daß er Ruhe gebiete - dreimal kräftig auf; dann entfaltete er eine große Pergamentrolle und las daraus - nachdem er sich vor dem König verneigt hatte - mit lauter Stimme also vor: "Seine Majestät, der König Bamborius, tut Dame Katharina hiermit kund und zu wissen, daß ihm heute abend, vor der Nachtruhe, von seinem Kammerdiener ein starker Schlaftrunk gegeben

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werden wird. Und wer imstande ist, Seine Majestät den König ohne Gewaltmaßregeln aus dem tiefen Schlaf, in den er nach dem starken Mittel verfällt, zu wecken, - der hat das erste Wunder vollbracht!"

Hiermit hatte der Zeremonienmeister den Inhalt seiner Pergamentrolle zu Ende gelesen; er verneigte sich wiederum tief vor dem König und klopfte abermals dreimal mit dem Stabe auf. Die ganze Hofgesellschaft verneigte sich gleichfalls tief zum Zeichen des Einverständnisses.

Dann winkte der König herablassend mit der Hand, was soviel heißen sollte als: Ihr seid in Gnaden entlassen!

Hierauf erhob sich der König, um in seine Gemächer zurückzukehren.

Der Page traf vor, um Kathi in ihr Zimmer zu führen; und als sie vor dem schwarzen Ritter vorüber kam, sah sie ein Paar zornfunkelnde Augen auf sich gerichtet. Vor Schreck wandte sie so heftig den Kopf weg, daß eine ihrer langen, blonden Flechten an dem Panzer des finsteren Mannes hängen blieb und sich in dem stählernen Gliederwerk festnestelte. Kathi riß so heftig an dem Zopf, daß einige ihrer blonden Haare an dem Panzer hängen blieben.

Dies alles war das Werk eines Augenblicks; aber Kathi zitterte noch, als sie über die Schwelle ihres Zimmers traf.

Hier verabschiedete sich der Page. Sogleich kam Hans hinter dem Vorhang hervor.

"Nun?" fragte er mit Spannung. "Was hat man uns für eine Aufgabe gestellt, Kathi?"

"Kathi?" erwiderte sie verächtlich. "Oho! Ich heiße jetzt: Dame Katharina!"

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"Na, bei mir nicht!" grollte Hans. "Bei uns bleibt es beim alten!"

"Ist auch nur Scherz, mein Hans!" lachte sie, "hier nimm erst, was ich dir mitgebracht habe."

Mit diesen Worten holte Kathi aus ihrer Tasche gutes Backwerk und streute es ihm hin, und während er es sich schmecken ließ, schilderte sie ihm die Vorgänge am Hofe.

"Aber, denke dir, Hans!" rief sie, "es ist auch ein düsterer, ganz schwarz gepanzerter Ritter da, und als ich an ihm vorüberging, blieb mein Haar an seinem Panzer hängen. Da sah er mich böse an."

"Schlimm!" meinte Hans im eifrigen Schmausen. "Aber nun die Aufgabe?" drängte er. "So sage doch, worin sie besteht!"

"Die Aufgabe besteht darin, den König bei Sonnenaufgang aus tiefem Schlaf zu wecken."

"Oh," rief Hans, "wenn es weiter nichts ist! Da mache dir keine Sorge; ich will ihn schon wach bekommen!"

"Sei nicht so zuversichtlich!" mahnte ihn Kathi. "Der König erzählte mir, daß ihn noch niemand erwecken konnte; denn der Schlaftrunk sei gar zu stark."

"Nur ohne Furcht!" erwiderte Hans und pickte die letzten Krumen des Backwerkes auf.

"Was heißt denn: ohne Gewaltmaßregeln, Hans? Denn die sollen beim Wecken nicht angewendet werden."

"Nun etwa: Posaunenstöße, Kanonendonner oder gar Handgreiflichkeiten."

"Aha! Das ist damit gemeint."

Darauf erklärte Hans: "Wir werden uns jetzt ruhen, und wenn es dunkel geworden ist, wirst du mir das Fenster öffnen,

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damit ich draußen ein wenig frische Luft schöpfen kann; denn die Hofluft kann ich gar nicht gut vertragen."

Der Abend kam heran.

Da öffnete Kathi das Fenster und ließ ihren gefiederten Freund verstohlen hinaus, und Hans machte eine ausgiebige Luftpromenade. Als er bei seiner Heimkehr an dem Schlafzimmerfenster des Königs vorüberkam, setzte er sich ein paar Minuten auf das Fensterbrett und schaute hinein.

Auf diese Weise beobachtete er zum großen Glück für die ihnen gestellte Aufgabe, daß der heimtückische Kammerdiener seinem Herrn anstatt einer Portion Schlaftrunk drei Portionen davon eingab; denn er wollte die Macht über den einsamen König behalten und in seiner wichtigen Rolle bleiben.

Sieh! dachte Freund Rabe, wie gut, daß ich den Halunken beobachtete. Da muß ich Sorge tragen, daß der König dreifach anstatt einmal geweckt wird, sonst bekomme ich ihn nicht wach, und dann hätten wir gleich eine schöne Bescherung.

Husch! flog er zu Kathi ins Fenster hinein.

"Bist du endlich wieder da, Hans!" sagte sie erfreut.

"Ja!" schmunzelte er listig. "Geh nun zur Ruhe. Ich rufe dich, wenn es Zeit zum Aufstehen ist."

Kathi war sehr müde; sie legte sich auf das prachtvolle Himmelbett mit seidenen Decken, welches für sie bereitstand, und war bald eingeschlafen.

Hans setzte sich auf die Bettlehne, steckte seinen Kopf unter den Flügel und nickte ebenfalls ein.

Als sich jedoch am Morgen kaum der erste Tagesschimmer zeigte, klopfte der treue Wächter mit dem Schnabel ans Bett und rief: "Kathi! Wach auf, es ist Zeit!"

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Die Angerufene richtete sich sogleich auf, rieb sich die Augen und fragte: "Was soll ich tun, Hans?"

"Es ist jetzt nichts weiter nötig," gab er zur Antwort, "als daß du mich unter deine Jacke steckst und mit ins Schlafzimmer des Königs nimmst; dort werde ich dir darüber Bescheid geben, was weiter geschehen soll. Aber Eile tut not! Fort, fort!"

Da nahm Kathi ihren Freund, steckte ihn unter ihre schöne, blaue Sammetjacke und trat klopfenden Herzens hinaus vor die Tür. -

Auf den Gängen und Treppen des Schlosses war alle Dienerschaft schon versammelt; denn jeder war begierig zu erfahren, wie Dame Katharinas erste Probe ausfallen würde, und ob der gute König Aussicht habe, von seiner Einsamkeit erlöst zu werden. Sogar im Schloßhof hörte man dumpfes Gemurmel; denn die Kunde von der neuen Wunderprobe des mutigen, jungen Mädchens hatte sich schon im ganzen Ort verbreitet.

Mit klopfendem Herzen schritt Kathi an der Dienerschaft vorüber und wurde von ihr mit teils spöttischen - teils mitleidigen Blicken betrachtet.

An der Schlafzimmertür des Königs erwartete sie der ihr feindlich gesinnte Kammerdiener; er öffnete ihr die Tür mit höhnischem, schlauem Gesicht, als wollte er sagen: Ich habe dafür gesorgt, daß du ihn nicht wach bekommst.

Kathi trat ein.

Da lag der König völlig angekleidet auf einem wunderschönen Ruhebett und schlief so sanft, daß Kathi kaum aufzutreten wagte.

Es zeigten sich jedoch schon die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne.

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Hans wurde ungeduldig unter der Jacke.

"Laß mich heraus!" flüsterte er.

Kathi tat, was er wünschte.

Da rief Hans ihr leise zu. "Nun halte mich dicht an das rechte Ohr des Königs!"

Ohne Zögern befolgte sie seinen Befehl und hielt ihren Freund dicht an das rechte Ohr des Schlafenden; aber Hans wandte noch einmal den Kopf und flüsterte ihr zu: "Sobald der König aufgewacht ist, verbirg mich schnell unter deiner Jacke und dann suche so rasch wie möglich in unser Zimmer zurückzukommen! Verrate mich nicht!"

Nun schöpfte Hans tief Atem, und dann schrie er aus Leibeskräften: "Raab! - Raab! - Raaaab!" in des Königs Ohr hinein, für jeden Schlaftrunk einmal. Dann schlüpfte er hastig wieder unter Kathis weite Jacke.

Bei dem ersten "Raab!" von Hans war der schlafende König zusammengezuckt. Bei dem zweiten "Raab!" schlug er die Augen auf. Und bei dem dritten "Raaaab!" saß er mit jähem Ruck aufrecht auf dem Lager, rieb sich die Augen und sprang dann freudig vom Ruhebett herunter. Er schlug die Hände zusammen, war ganz verwirrt, lief an die Tür und rief hinaus: "Viktoria blasen!"

Dann lief er ans Fenster, riß es auf und rief nochmals: " Viktoria blasen!"

Endlich blieb er vor Kathi stehen, ergriff mit Tränen in den Augen ihre Hand und sagte bewegt zu ihr: "Meine liebe Katharina! Es ist dir gelungen, mich aus dem schweren Schlaf, in dem ich lag, zu erwecken. Habe Dank! Meine Hoffnung, daß du vielleicht dazu ausersehen bist, mich dem heiteren Da-

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sein wiederzugeben, erwacht. Oh, wie danke ich dir schon für diesen frohen Morgen!"

"Aber nun geh," fügte er hinzu; "du siehst blaß und müde aus! Geh und ruhe dich noch ein wenig, und dann komm zu mir, damit wir gemeinschaftlich frühstücken." -

Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht von dem Gelingen des ersten Wunders verbreitet. Es wurde vom Schloßturm Viktoria geblasen, und überall herrschte große Freude.

Nur der Kammerdiener freute sich nicht, sondern ärgerte sich sehr darüber, daß seine dreidoppelten Schlaftrunke so schlecht gewirkt hatten, und er faßte den Vorsatz, das Gelingen der nächsten Wunder bestimmt zu verhindern.

Unter dem Beifallsgemurmel der Menge, die sich auf den Treppen und Fluren drängte, kehrte Kathi in ihr Zimmer zurück; dort streichelte sie ihren Hans und sagte: "Mein lieber, guter Hans! Ich danke dir! Was wird man uns jetzt für eine Aufgabe stellen?? Wirst du auch für diese Rat wissen?"

"Ich bitte dich dringend, mir die zweite Aufgabe so bald wie möglich zu berichten, damit ich meine etwaigen Vorbereitungen dazu machen kann. Jetzt aber," mahnte Hans, "müssen wir noch etwas ruhen, um bei Kräften zu bleiben."

Ihres gewonnenen Sieges froh, schliefen sie in derselben Weise wie früher noch einige Stunden, bis es für Kathi Zeit war, zum Könige zu gehen.

Hans schlüpfte in sein Versteck.

Kaum war er darin, so kamen zwei niedliche Pagen, um Dame Katharina zum König zu führen.

Als sie dort eintrat, stand zu ihrer Überraschung ein schöner, großer Kuchen auf dem Frühstückstisch, auf dem ihr Na-

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me stand. Der König hatte dies aus Freude über ihren Erfolg so angeordnet.

Nach beendetem Frühstück - bei welchem Kathi nicht vergaß, heimlich für ihren Helfer zu sorgen - ging sie mit dem König wie am Tage zuvor in den großen Empfangssaal.

Wieder wurden sie von dem ganzen Hofstaat - der schon versammelt war - erwartet und respektvoll begrüßt, und Dame Katharina wurde nicht mehr so mitleidig und von oben herab angesehen.

Auch der schwarze Ritter war zugegen, und Kathi bemerkte, daß der Kammerdiener des Königs neben ihm stand und mit heftigen Gebärden auf ihn einredete. -

Wieder trat der Zeremonienmeister - wie am vorhergehenden Tage - in die Mitte der Versammelten, verneigte sich tief vor dem König und vor Kathi, klopfte dreimal mit dem Stabe auf und sprach: "Nach dem Wunsche des Königs Bamborius tun wir hiermit Dame Katharina kund und zu wissen:

Auf dem Rasenplatz im Schloßgarten steht ein großer Nußbaum, der zu allen Zeiten über und über mit unzähligen Nüssen bedeckt ist. - Wenn morgen bei Sonnenaufgang auf und unter diesem Nußbaum keine einzige Nuß zu finden ist, so wäre damit die zweite Aufgabe erfüllt. - Es darf dazu jedoch keines Menschen Hilfe in Anspruch genommen werden."

Nach diesen Worten verneigte sich der Sprecher, rollte sein Pergament zusammen, klopfte wieder dreimal mit dem Stabe auf und trat zurück.

Der König winkte dankend mit der Hand. Aber Kathi bemerkte, daß er traurig aussah; er fürchtete wohl, daß diese Aufgabe zu schwer für seinen Schützling sei.

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Nach allseitigem Verneigen löste sich die Gesellschaft rasch auf. Der König schritt mit seinem Gefolge in seine Gemächer, und Dame Katharina wurde von ihren zierlichen Pagen in ihr Zimmer geführt, wo sie sich sogleich empfahlen.

Kathi suchte ihren verborgenen Freund und rief: "Hans, wo bist du?"

Freund Rabe kam eilig aus seinem Versteck zum Vorschein.

"Oh, Hans," rief Kathi, "wie findest du Rat?"

"Nun, was gibt es denn? Erzähle es doch!"

Da kauerte Kathi sich zu ihm auf die Erde, brockte ihm kleine Stücke von dem Brot, das sie für ihn mitgebracht hatte, hin; und während er emsig pickte, erzählte sie ihm die Geschichte mit dem Nußbaum.

Hans sah eine Weile nachdenklich vor sich hin; endlich begann er: "Hm! Da ist keine Zeit zu verlieren; aber ich weiß schon, wie ich die Sache anzufangen habe."

"Was willst du tun, Hans?" fragte Kathi ängstlich.

"Ich muß alle meine Vettern, Basen, Tanten und sonstigen Anverwandten und Bekannten zu heut abend zum Nußschmaus einladen. Es ist zum Glück eine mondhelle Nacht; da werden sie den weiten Weg nicht scheuen."

"Und was soll ich tun, mein guter Hans?"

"Du mußt dich indessen pflegen und ruhen; denn du mußt die ganze Nacht helfen und hübsch munter sein."

"Das will ich gern tun," versprach ihm Kathi.

"Nun öffne mir das Ferner, Kathi!"

Sie tat, was er wünschte, und Hans schwang sich aufs Fensterbrett.

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"Lebe wohl!" flüsterte er. "Erwarte mich hier in Geduld.

Sobald ich zurück bin, klopfe ich mit dem Schnabel ans Fenster; dann komm heraus und folge mir sogleich in den Garten."

Nach diesem Rat breitete Hans seine Flügel aus und schwebte rasch davon.

Trauernd sah Kathi ihrem Freunde nach; denn sie blieb ja nun ganz verlassen in der ihr völlig fremden Umgebung zurück. Draußen vor dem Schloß machte der Kammerdiener gerade seinen Morgenspaziergang. Er war ein großer Feind der Raben; und als er den Hans vorüberfliegen sah, jagte er hinter ihm her, warf mit Steinen nach ihm, klatschte in die Hände und machte: "Husch! husch!"

Hans antwortete: "Raab! Raab!"

Warte nur, dachte er; wenn ich noch bei Hofe zu Ehren kommen sollte, wirft du höflicher sein müssen. -

So schnell Hans konnte, verfolgte er hierauf seinen Weg; er besuchte alle erdenklichen Verwandten nah und fern und bat sie, daß sie heute abend bei einem köstlichen Nußschmause seine Gäste sein möchten. Alle waren erfreut, ihn zu sehen, und sagten gern ihre Teilnahme am Nußschmause zu. So kam es denn, daß der Hans, als es dunkel geworden war, mit einer ungeheuren Schar Tanten, Vettern, Nichten usw. bei dem großen Nußbaum im Schloßgarten eintraf.

Hier hielt er ihnen folgende Anrede: "Liebe Freunde und Anverwandte, verhaltet euch - bis ich wieder da bin (denn ich muß euch auf einige Augenblicke verlassen) - so ruhig wie möglich; sowie ich zurück bin, kann das Vergnügen beginnen."

Darauf flog der Hans zu Kathi und klopfte mit dem Schnabel ans Fenster.

"Da bin ich wieder!" sagte er, als seine Freundin öffnete.

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"Dem Himmel sei Dank," rief Kathi, "daß du wieder da bist! Wie habe ich mich deinetwegen schon geängstigt!"

"Es ist keine Zeit zu verlieren, Kathi!" murmelte Hans.

"Nimm mich jetzt lieber unter deine Jacke; denn der Kammerdiener schleicht draußen herum. Und dann vorwärts in den Garten!"

Geschwind verbarg Kathi ihren treuen Ratgeber unter der Jacke und eilte festen Schrittes dem Schloßgarten zu, der vom aufgehenden Vollmond prächtig beleuchtet war. Der Kammerdiener trat ihr richtig entgegen und wäre ihr gewiß für sein Leben gern nachgeschlichen; aber es war bei Todesstrafe verboten, Dame Katharina zu beobachten und zu stören.

Daher langten die beiden Nachtwanderer unbehindert bei dem großen Nußbaum im Garten an.

Es war die höchste Zeit, daß sie kamen; denn die Verwandtschaft und sonstigen Freunde wurden schon ungeduldig, und es entspannen sich sogar kleine Streitigkeiten.

Daher gab Hans sogleich das Zeichen zum Angriff.

Überall gab er die Mahnung: "Nehmt soviel Nüsse wie möglich, laßt keine davon auf die Erde fallen und macht keinen unnötigen Lärm!"

Kathi bekam von ihm die Aufgabe: "Du stellst dich unter den Baum und gibst genau acht, ob eine Nuß beim Bewegen der Zweige herunterfällt; und wo es geschieht, sammelst du sie sorgfältig auf!"

Hans selbst war überall. Er beaufsichtigte die ganze Gesellschaft. Hier ermunterte er, fleißig zuzugreifen, dort stiftete er Frieden; denn es kamen kleine Raufereien vor, weil die vielen Tanten mißgünstig untereinander waren.

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Hans hatte bestimmt, daß jeder mit seiner Nuß im Schnabel auf und davon fliegen sollte; und mit Sorge sah Freund Rabe, daß sich der Kreis seiner Gäste bedenklich lichtete, während noch ziemlich viel Nüsse auf dem Baum waren. Glücklicherweise hatte Hans die Vorsicht gebraucht, auf seiner Vetternreise allen ihm Begegnenden eine Einladung zuzurufen, und so sah er zu seiner großen Beruhigung jetzt eine Schar Nachzügler ankommen und über den Rest herfallen.

Auf diese Weise war der Baum schnell aller seiner Früchte beraubt. Die lärmende Gesellschaft machte sich dankerfüllt über die großartige Plünderung auf den Heimweg.

"So!" sagte der Gastgeber zu Kathi. "Jetzt kommt unsere Hauptarbeit; denn es kommt alles darauf an zu erforschen, ob auch keine Nuß auf dem Baum hängen geblieben ist."

"Soll ich hinaufklettern, Hans, und suchen helfen?"

fragte Kathi.

"Nein!" antwortete er. "Bleibe nur unten und begleite mich Schritt für Schritt und achte genau darauf, ob auch keine Nuß herunterfällt."

Um dies zu erproben, hüpfte Freund Rabe von Ast zu Ast, von Zweig zu Zweig und schüttelte mit dem Schnabel daran, ob nicht etwa irgendwo noch eine vergessene Nuß säße.

Sorgfältig durchsuchte er den Baum. Es war eine schwierige und zeitraubende Arbeit; denn der Baum war sehr groß.

Schon zeigte sich im Osten ein rötlicher Schein. Da fiel plötzlich zu Kathis größtem Schreck mit lautem Geklapper eine Nuß herunter.

Kathi hob sie auf und hielt sie ganz ratlos in der Hand; denn schon hörte sie aus der Entfernung verworrenes Ge-

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räusch von Stimmen, und die ersten Strahlen des Morgenrotes zeigten sich am Himmel.

Da flog Hans auf sie zu und raunte: "Verlaß dich auf mich, Kathi, es war die letzte Nuß, die du in der Hand hältst.

Lebe wohl! Der König kommt!"

Schnell riß der treue Freund mit dem Schnabel die letzte Nuß aus Kathis Hand und war damit verschwunden, bevor sie recht begriffen, was er wollte.

Kaum war Hans fort, so sah Kathi den König Bamborius mit großem Gefolge herannahen.

Es war ein langer Zug. Voran schritten zwei Herolde.

Unmittelbar hinter ihnen kam der König in goldenen Gewändern. Dann folgten vier Gelehrte in scharlachroten Mänteln; sie trugen dicke Bücher in den Händen und schritten sehr würdevoll einher. - Nach diesen kam ein Musikkorps mit schmetternden Trompeten, denen der Hofnarr sich anschloß. Zuletzt gingen in bunter Reihe Herren und Damen des Hofes. Als der Zug am Nußbaum ankam, vor welchem Kathi in zitternder Erwartung stand, ging die Sonne strahlend auf.

Mit Verwunderung richteten sich aller Augen auf den Baum, der, seiner Früchte gänzlich beraubt, vor ihnen stand.

Mehreremal bewegte sich der Zug um den Baum. Dann mußte der Hofnarr, der am besten klettern konnte, hinaufsteigen und jedes Zweiglein schütteln, um nachzuforschen, ob sich keine Nuß mehr am Baum befand.

Aber es war vergebens; es wurde keine einzige Nuß mehr entdeckt.

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Staunend blickten die Umstehenden auf das neue Wunder. Die Gelehrten in den roten Mänteln trugen die Begebenheit in ihre Bücher ein, um sie später der Schloßchronik einzuverleiben.

Mit lauter Stimme verkündete der Herold die vollbrachte Tat.

Da trat der König freudestrahlend zur Heldin des Tages; er ergriff ihre Hand und führte sie im Triumph unter Paukenschlag und Trompetengeschmetter ins Schloß zurück.

Der Jubel war groß. Das Herz eines jeden war voll Freude. Nur der schwarze Ritter und der neidische Kammerdiener hatten nicht teil daran.

Der König gab in seiner Herzensfreude den Befehl: "Es soll offene Tafel gehalten werden, und jeder soll sich nach Belieben daran erquicken können!"

Dieser Befehl des Königs und seine Ursachen hatten sich nun blitzschnell verbreitet; es kamen unzählige Gäste, und obgleich der Koch einen ganzen Ochsen am Bratspieß gebraten hatte, machte es ihm viel Not, so viele Begehrende zu sättigen.

Von Ruhe war keine Rede mehr; denn die Zeit zur Verkündigung der dritten Aufgabe war überaus schnell herangenaht.

Kathi konnte ihrem lieben Hans nicht einmal sein Frühbrot bringen; denn sie mußte gleich nach dem Frühstück mit dem König im großen Saal vor den Versammelten des Hofes erscheinen.

Sie wurden von dem ganzen Hofstaat ehrfurchtsvoll begrüßt.

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Kaum hatten sie sich auf Thron und Thrönchen gesetzt, so trat der Zeremonienmeister vor.

Dreimal verneigte er sich so tief wie möglich. Wieder erhob er den Stab mit goldenem Knopf und klopfte dreimal kräftig damit auf.

Dann entfaltete er die Pergamentrolle und verneigte sich tief vor dem König Bamborius und vor Dame Katharina.

Darauf las er mit weithin vernehmbarer Stimme: "Wir tun Dame Katharina hiermit kund und zu wissen:

Bei der dritten Aufgabe handelt es sich darum, einen längst verlorenen Ring ohne eines Menschen Hilfe wieder herbeizuschaffen.

Es verhält sich damit folgendermaßen:

Vor vielen Jahren hatten sich die Großeltern Seiner Majestät des Königs Bamborius zu gegenseitigem Andenken zwei ganz gleiche Ringe geschenkt. Diese Ringe bestanden aus zwei verschlungenen Händen, die einen kostbaren Diamanten hielten. Den Ring des Höchstseligen Großvaters trägt Seine Majestät noch heute; aber der Ring, den die Höchstselige Großmutter trug, der ist noch bei ihren Lebzeiten auf rätselhafte Weise verschwunden."

Hier machte der Vortragende eine kleine Pause und fuhr dann mit erhöhter Stimme eindrucksvoll fort: "Die letzte und schwerste Aufgabe für Dame Katharina besteht also darin: diesen längst verlorenen Ring - bis zum Sonnenaufgang des nächsten Tages - in die Hand Seiner Majestät des Königs zu legen. Erst dann hat Dame Katharina alle Aufgaben gelöst und damit das Recht erworben, als Prinzessin des Hauses zu gelten. -

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Gelingt es nicht, den Ring herbeizuschaffen, so sind auch die beiden ersten Lösungen als ungeschehen zu betrachten."

Nach Beendigung dieses Vortrages verneigte sich der Zeremonienmeister sehr tief, klopfte dreimal mit seinem Stabe auf und trat zurück.

Der König winkte hierauf Katharina zu sich heran, und als sie diesem Wink gehorchte, zeigte er ihr mit sehr ernstem, traurigem Gesicht die Hand, welche den vorher betriebenen Ring trug.

"Sieh her, mein Kind," sagte der König leise, "und betrachte dir den Gegenstand meiner Betrübnis recht genau.

Wie soll es dir gelingen, dies solange vermißte Kleinod herbeizuschaffen?"

"Es muß versucht werden," erwiderte Kathi seufzend.

Der König begann von neuem: "Schon gab ich mich der Hoffnung hin, daß ich meiner Einsamkeit enthoben würde.

Diese Hoffnung beginnt jedoch wieder zu sinken; aber ich danke dir dennoch für die frohen Stunden, die du mir in diesen Tagen bereitetest. - Lebe wohl! In banger Sorge werde ich den Morgen erwarten, um zu erfahren, ob ich ein froher oder trauriger König sein werde."

Nach diesen Worten winkte der König seinen Untertanen einen Gruß zu und verließ ernst und mit gesenktem Haupt den Saal.

Still und schweigsam gingen die Versammelten auseinander, und Kathi wurde von den vier lieblichen Pagen ernst und fast feierlich in ihr Zimmer geführt. -

In den rasch aufeinander folgenden Erlebnissen hatte Kathi kaum an ihren Hans denken können; aber sie hatte

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sein Frühstück nicht vergeben. Als sie jetzt in ihr Zimmer kam, erinnerte sie sich erst daran, daß ihr treuer Freund sie schon im Garten verlassen hatte. -

"Hans!" rief sie voll banger Ahnung; nichts regte und rührte sich. Vergebens durchsuchte Kathi alle Ecken und Winkel des Zimmers: Hans war und blieb fort.

Kathi war nahe daran zu weinen. Endlich ging sie ans Fenster, und siehe da! - auf dem Gezweig der Linde vor dem Fenster saß Freund Rabe. Freudig öffnete Kathi, und hurtig flatterte der Hans herein.

"Ja, das war Pech," sagte er, "aber kein Unglück."

"Ach, wie war ich in Angst um dich," seufzte Kathi. "Wo warft du denn, Hans? Und warum fand ich dich nicht auf deinem gewohnten Platz?"

"Ja, ist leicht gesagt!" spöttelte Hans. "Wisse, als ich dich heute früh mit der letzten Nuß verließ, flog ich damit in den nahen Wald und verzehrte sie dort. Zurückgekehrt, hoffte ich, ungesehen ins Fenster fliegen zu können, um meinen gewohnten Platz aufzusuchen. Aber siehe da! - das Fenster war verschlossen."

"Armer Hans!" bedauerte Kathi.

"Es blieb mir nichts anderes übrig," erklärte er, "als in der Linde versteckt zu warten, bis du mich suchen würdest."

"Und nun haft du so lange warten müssen, Hans! Hier nimm dein Frühstück."

"Danke sehr! Und was bringst du heute für eine Aufgabe?" fragte er erwartungsvoll.

"Ach, eine sehr schwere!" erwiderte sie besorgt, und während Hans ihr das Brot aus der Hand pickte, erzählte sie ihm

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von dem verloren gegangenen Ring und beschrieb ihn genau so, wie sie ihn an der Hand des Königs gesehen.

"Merkwürdig!" sagte Hans.

"Was denn?" fragte Kathi.

"Der Ring, wie du ihn schilderst, steckt als Familienwappen an einem Rabennest."

"Nicht möglich!"

"Ja, es stimmt sicherlich! Höre zu, was ich davon weiß."

Und er erzählte; "Der Urahn dieses Rabennestes fand den Ring einst auf dem Toilettentisch einer vornehmen Dame.

Und da er sich gerade sein Nest baute, so hat er den Ring als Wappen daran angebracht. Seitdem erbt stets der Älteste in der Familie das Nest mit dem Kleinod."

"Und du glaubst, daß es der gesuchte Ring sei, Hans? Du irrst dich nicht?" fragte seine Zuhörerin ungläubig.

"Es ist der Ring!" erklärte er. "Und eigentlich müßte das Nest mir gehören; aber ich bin ein Findelkind. Meine Geschwister wollten keine Gemeinschaft mit mir."

"Und du glaubst, daß der Ring noch am Nest ist?"

"Das müßte ich erst einmal feststellen; beschreibe ihn mir noch einmal recht genau."

Kathi willfahrte ihm gern.

"Es ist kein Zweifel möglich!" erklärte Hans. "Jetzt aber muß ich mich so schnell wie möglich auf die Reise machen, um das Kleinod für dich zu suchen."

"Ach, Hans!" seufzte Kathi, "wenn es dir nur gelingen wird! Solange du fort bist, werde ich in Angst und Sorge schweben."

"Habe nur guten Mut, Kathi!" tröstete Freund Rabe.

"Der Weg ist zwar weit; aber es muß versucht werden, ihn

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zu finden, und ich werde nicht eher ruhen, als bis ich mit dem Ringe wieder bei dir bin!"

Kathi mußte vor Abschiedsweh weinen.

"Und wenn der Ring nun nicht mehr am Neste ist, mein Hans?" sagte sie voll Traurigkeit.

"Weine nicht!" tröstete er. "Ich werde ihn schon finden.

Halte nur das Fenster zur Nacht offen, damit ich zu jeder Zeit bei dir einkehren kann. Lebe wohl."

"Lebe wohl, Hans!" erwiderte sie und streichelte ihm zum Abschied noch einmal sein glänzendes, schwarzes Gefieder.

Dann öffnete Kathi das Fenster und ließ ihn davonfliegen.

Lange schaute die Daheimgebliebene ihrem treuen Freunde nach, so lange, bis sie seine Gestalt nicht mehr erkennen konnte. Mit Sorge gedachte sie seines gefahrvollen Unternehmens und blieb Tag und Nacht am Fenster sitzen.

Ängstlich zählte sie die Stunden bis zu seiner Rückkehr. Indessen war Hans gleich zu Anfang seiner Reife vom Glück begünstigt; denn es begegnete ihm bald nach seinem Ausflug einer seiner besten Freunde, der am Tage zuvor bei dem Nußschmaus mitgeholfen hatte.

"Wo willst du denn so eilig hin, Hans?" redete ihn dieser an.

"Ins frühere Heimatnest," erwiderte er. "Und zwar so schnell wie nur möglich; aber ich war lange nicht dort und werde den Weg schwer finden."

"Nun, dann komm nur mit; ich habe dasselbe Ziel und zeige dir den kürzesten Weg."

Beide flogen also gemeinsam eilig dahin. Oft begegneten ihnen Bekannte und fragten nach dem Zweck ihrer Reise;

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aber Hans ließ sich auf nichts ein und eilte unaufhaltsam weiter. Nur seinem Begleiter hatte er den Zweck der Reise erklärt. Trotz der größten Eile waren sie erst am Nachmittage am Ziel.

Es war ein düsterer Wald von riesenhohen Eichen. Die hohen Bäume waren mit unzähligen Nestern bedeckt. Hier horsteten die Raben, und ihr Gekrächz erfüllte weithin die Luft.

Es wäre dem Hans wohl schwer geworden, das richtige Nest - das er schon lange verlassen hatte - herauszufinden, wenn ihm sein freundlicher Begleiter nicht geholfen hätte.

"Da ist es!" sagte dieser.

Der Augenblick war günstig; denn die meisten Bewohner des Rabenhorstes waren ausgeflogen.

Hans mußte erst eine Menge Unrat und Federn beim Durchsuchen des Nestes hinauswerfen.

Plötzlich blinkte ihm etwas entgegen; und als er weiter schabte und kratzte, schimmerte wirklich der von ihm gekannte Ring hervor.

"Ich habe ihn, Freund!" rief Hans seinem Reisebegleiter freudig zu.

"Dann rate ich dir, daß du dich eilig davonmachst, bevor die Nestbewohner zurückkommen."

"Der Ring sitzt so fest!" rief Hans. "Ich kann ihn gar nicht losbekommen. Hilf mir doch nur!" Nun arbeiteten beide eifrig, und endlich war der Ring herausgelockert.

"Fort, fort!" warnte der Reifefreund eindringlich. "Die Alten vom Nest werden den Ring nicht gutwillig hergeben, und dort drüben beobachten einige Verräter dein Tun schon längst mit neugierigen Blicken."

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Da nahm Hans den Ring in den Schnabel und flog mit seinem Freunde, der ihn auch zurückbegleiten wollte, eilig davon.

Kaum waren sie fort, so hörten sie hinter sich fürchterliches Rabengeschrei. Das waren die Alten, die ihr Nest zerwühlt fanden. - Bald merkten sie, daß sie verfolgt wurden, und daß ihnen der geraubte Schatz wieder entrissen werden sollte.

"Flüchte dich mit dem Ring in diesen hohlen Baum!"

riet der kluge Begleiter. "Ich werde ruhig weiterfliegen und die Verfolger auf eine falsche Fährte locken."

Hans legte den Ring auf einen sicheren Ast, um den Schnabel frei zu haben, und fragte hastig: "Du wirst mich doch wiederfinden?"

"Keine Sorge! Ich kenne hier jeden Weg; und wenn ich den Verfolgern entschlüpft bin, können wir getrost unsere Reise fortsetzen."

Hans kroch - nach dem Rat des Freundes - in das Astloch des hohlen Baums und legte den Ring, um seinen Schnabel bewegen zu können, vor sich nieder. Während Hans seinen Fund mit stillem Wohlgefallen betrachtete, zog die Schar seiner Verfolger mit lautem Geschrei und Spektakel über ihm fort. Freund Rabe mußte lange warten.

Endlich kam sein Retter angeflattert.

"Da bin ich wieder," sagte er stolz. "Du wirst wohl schon ungeduldig?"

"Ha! Wie rettetest du dich?"

"Ebenso wie du: im hohlen Baum!"

"Na, denn also fort!"

Hans nahm den kostbaren Ring wieder in den Schnabel,

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und dann machten sich die gefiederten Freunde wieder auf die Reise.

Nachdem sie schon eine tüchtige Strecke zurückgelegt hatten, sahen sie unter sich ein größeres Dorf. Plötzlich fiel ein Schuß.

In demselben Augenblick sank Freund Rabes Begleiter, tödlich getroffen, lautlos zu Boden.

Hans setzte sich schreckerfüllt auf den dicken Ast eines Baumes, legte den Ring vor sich nieder und stieß einen lauten Schmerzenschrei aus. Dann blickte er in stummer Trauer dem niedersinkenden Gefährten nach, bis sein toter Körper die Erde berührte. Er sah, wie ein Hund kam und ihn fortschleppte.

Dann raffte Hans sich aus seiner Betäubung aus. Jetzt galt es, den Mut nicht zu verlieren. Von banger Sorge erfüllt versuchte er, sich allein in der Fremde zurechtzufinden. - Der Abend war hereingebrochen, und in dem ungewissen Dämmerlicht konnte Hans sich schwer zurechtfinden. Glücklicherweise ging der Mond bald auf; aber trotz seines Scheines mußte Hans oft suchend hin und her fliegen.

Schon begann der Tag zu grauen, und Hans wußte nicht, ob er seinem Ziele nah oder fern sei; da erkannte er zu seiner unsäglichen Freude den Wald, wo er am vergangenen Morgen die letzte Nuß verzehrt hatte. Nun wußte er Bescheid.

Mit kräftigem Flügelschlag strebte er dem Schloßgarten zu und langte von da aus bald erschöpft und müde vor dem Schlosse an.

Kathi stand am Fenster und schaute voll Sehnsucht nach ihm aus. - Die ganze Nacht hatte sie auf ihn gewartet, und

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als der Tag graute ohne seine Rückkehr, da fürchtete die Einsame, daß ihrem Hans ein Unglück zugestoßen sei.

Schon zeigte sich ein blasser Schein des Frührotes. Voll banger Ahnung lehnte Kathi am Fenster. Plötzlich sah sie den treuen Freund herangeflattert kommen. - Hastig riß sie das Fenster auf, um den Ankommenden einzulassen.

Aber - noch im letzten Augenblick nahte das Verhängnis in Gestalt des Kammerdieners. - Schon längere Zeit hatte er herumspioniert, ob er nichts Verdächtiges von Dame Katharina entdecken könne. Er stand unter der Linde und spähte nach allen Seiten. Da sah er den schwarzen Vogel heranflattern. Hastig nahm er eine lange Stange, die an der Linde lehnte, und schlug damit dem Hans so heftig auf den Schnabel, daß er vor Schmerz den wichtigen, mit so vieler Mühe herbeigeschafften Ring zur Erde fallen ließ.

Der Kammerdiener sah einen glänzenden Gegenstand auf die Erde rollen.

Eilig bückte er sich danach; aber Hans flog ihm schnell entschlossen auf den Kopf und wedelte ihm mit seinen Flügeln so heftig ins Gesicht, daß der Diener nichts sehen konnte und sich die Augen reiben mußte.

Das hatte Freund Rabe gewollt.

Rasch hob er das Kleinod auf und war mit seiner Beute im Fenster verschwunden und in Sicherheit, bevor der Kammerdiener wieder um sich blicken konnte.

Eilig schloß Kathi das Fenster.

Angstvoll hatte die Wartende mitansehen müssen, in welcher Gefahr ihr treuer Hans und sein Ring geschwebt hatten. Jetzt hatte sie ihn wieder. Matt legte Hans ihr das

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Kleinod in die Hand und saß einige Minuten regungslos. Der harte Schlag hatte ihn beinahe völlig betäubt.

Mit inniger Anteilnahme streichelte ihn Kathi und sagte: "Mein armer Hans! Wie sehnsüchtig habe ich dich von Stunde zu Stunde erwartet!"

Freund Rabe nickte.

"Schon gab ich die Hoffnung auf, dich wiederzusehen!"

gestand Kathi. "Da sah ich dich kommen und mußte sehen, was dir geschah. Fühlst du noch Schmerz?"

Da richtete sich Freund Rabe energisch auf und sagte stolz: "Sei mir gegrüßt, Prinzessin Katharina!"

Kathi machte einen drolligen Knicks und Hans sagte weiter: "Sieh, schon färbt sich im Osten der Himmel. Es wird Zeit, daß du zum König gehst. Laß uns scheiden!"

"Du willst mich verlassen, Hans?" fragte Kathi sehr erschrocken.

"Es muß sein, Kathi! Ich habe meine Aufgabe erfüllt.

Nun erfülle du die deine. Meines Bleibens hier ist nicht länger. Öffne wieder das Fenster; und wenn alle Neugierde auf die Vorgänge im Saal gerichtet ist, werde ich im günstigen Augenblick das Weite suchen."

"Hans, muß es denn sein?" fragte Kathi traurig. "Bleibe bei mir!"

"Es muß sein. Gedenke meiner in Treue!"

"Was kann ich für dich tun, Hans? Wie kann ich dir meine Dankbarkeit beweisen?"

"Dadurch, daß du mich nicht verrätst. Versprich mir hoch und heilig, niemandem zu sagen, wer dir zu dem Ring verholfen und bei Lösung der Aufgaben beigestanden hat. Um keinen Preis!"

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"Ich verspreche es!" erwiderte Kathi zitternd.

"Lebe wohl! Und halte dein Wort, was auch kommen mag!"

Kathi drückte einen Kuß auf Freund Rabes schwarzes Köpfchen; und während Tränen in ihren Augen schimmerten, sagte sie mit fester Stimme: "Lebe wohl, Hans! Nie werde ich deine Treue vergessen und dich niemals verraten!"

"Man kommt!" flüsterte Hans. "Ich muß mich verstecken. Putze den Ring etwas ab; vergiß nicht das Fenster und - schweige!"

Hastig schlüpfte Freund Rabe hinter den Vorhang, und Kathis Tränen fielen auf den Ring, den sie putzte.

Da ging die Tür auf, und sechs Pagen traten ein; sie waren prächtig gekleidet und lieblich anzuschauen. Um ihre Tränen zu verbergen, ging Kathi ans Fenster, trocknete sie ab, öffnete das Fenster und ging dann gefaßt den Harrenden entgegen.

Einer der Pagen trat vor, verneigte sich tief und fragte; "Ist Dame Katharina bereit, vor Seiner Majestät, dem König Bamborius, zu erscheinen?"

"Ich bin es!" erwiderte Kathi.

Noch einmal schaute sie wehmütig zurück, dahin, wo sie ihren Freund verborgen wußte; und dann ging sie mit dem Ring in der Hand hinaus, begleitet von den sechs Pagen.

Wie erstaunte Kathi, als sie alle Türen des Schlosses weit geöffnet fand und die Korridore und Treppen von Dienern, Leibwachen und Trabanten dicht besetzt sah. - Vom Schloßhof her tönte dumpfes Gemurmel herauf; er schien von einer erwartungsvollen Menge gedrängt voll zu stehen. Ängstlich faßte Kathi den Ring fester und drückte ihn gegen ihr

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klopfendes Herz; aber ehrerbietig wurde dem jungen Mädchen Platz gemacht, und in lautlosem Schweigen ließ man Dame Katharina vorübergehen.

Schon von weitem konnte die sich Nähernde in den großen Saal sehen.

Dort saß der König in königlicher Pracht auf dem Thron; eine Krone, reich mit köstlichen Edelsteinen besetzt, schmückte fein Haupt, und ein Mantel mit Hermelin verziert fiel von feinen Schultern hernieder.

Alle Vornehmen des Hofes, die Ritter und Edeldamen, waren schon um den König versammelt.

Alle waren in festlichen Kleidern, und es war ein Glanz, der schier das Auge blendete.

Schweigend harrten sie auf Dame Katharinas Erscheinen.

Es wurde der Näherkommenden ganz bange zumute, bei all den ernsten, erwartungsvollen Gesichtern. Der König erbleichte, als er sie in den Saal treten sah, und die Entscheidung über Glück oder Trauer ließ sein königliches Herz erbeben. Gemessenen Schrittes näherte sich Kathi dem König, und als die ersten Strahlen der Morgensonne die Fenster des Saales vergoldeten, kniete sie vor den Stufen des Thrones nieder und hielt dem Beherrscher des Landes in ihrer offenen Hand den so lange vermißten Ring entgegen.

Im ersten Augenblick war er ganz erstarrt vor Erstaunen.

Dann griff er hastig und alle königliche Würde beiseite setzend nach dem Ring; er verglich ihn mit dem seinigen, den er am Finger trug, und als er fand, daß er genau paßte, brach er in Freudentränen aus.

Mit glücklichem Lächeln öffnete er dann seine Arme und

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rief; "Er ist's! Er ist's! Du hast ihn gefunden, den wertvollen Schmuck! Komm an mein Herz, Prinzessin, als meine geliebte Tochter!"

"Halt!" donnerte plötzlich eine mächtige Stimme dazwischen, und der Jubel, welcher schon auszubrechen begann, verstummte augenblicklich.

Kathi halte sich von den Knien erhoben, und vor ihr stand die drohende Gestalt des schwarzen Ritters und ihm zur Seite der mißgünstige Kammerdiener.

"Haltet ein, Vetter!" begann der Ritter und wandte sich mit weithin schallender Rede an den König: "Bevor Ihr dieses Mädchen an Euer königliches Herz drückt, laßt Euch warnen; denn es ist eine Hexe!"

"Eine Hexe! - Eine Hexe!" ging es von Mund zu Mund, und die Nächststehenden wichen ängstlich vor Kathi zurück.

Die vor allen Verleumdete errötete vor Scham, und der König fragte verwundert: "Wie kommst du zu dieser Anklage, Vetter? Womit begründest du sie?"

"Daß dieses Mädchen mit der schwarzen Kunst im Bunde steht," gab der Ritter zur Antwort, "das kann hier der Kammerdiener Urban bezeugen; denn er sah es mit eigenen Augen, daß dieses Mädchen in der Gestalt eines Raben ins Schloßfenster flog, der den Ring im Schnabel trug!"

Entsetzen erfaßte alle Anwesenden.

"Tritt vor, Urban!" gebot der König, "und erzähle, was du von der Sache weißt."

Mit schadenfrohem Lächeln trat der Genannte näher und begann: "Ich sah dieses Mädchen in der Gestalt eines Raben kommen und sich dem Schloßfenster nähern. Tapfer kämpfte ich mit dem Tier; aber ich wurde derart zugerichtet, daß ich

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das Bewußtsein verlor. Und als ich wieder zu mir kam, war das Tier verschwunden."

Ein Murmeln des Schauderns ging durch die Versammlung, und Urban begann von neuem: "Weil ich fürchte, daß Dame Katharina als Unglücksrabe ins Schloßfenster geflogen sei und Unheil und Schrecken über meinen geliebten Herrn bringen wird, deshalb erzähle ich, was ich gesehen."

Mit gramerfülltem Blick schaute der König auf Kathi und sagte ernst: "Sprich, Katharina, was haft du darauf zu erwidern?"

"Ich bin keine Hexe!" jammerte Kathi und bedeckte ihr schamerglühtes Gesicht mit den Händen. Wieder erhob sich die Stimme des Ritters, und atemlos lauschten die Umstehenden: "Wenn sie keine Hexe ist, liebwerter Vetter, so mag sie Euch sagen, auf welche Weise die Aufgaben von ihr gelöst wurden. Schaden kann ihr jetzt nicht mehr daraus erwachsen."

"Er hat recht!" rief man von allen Seiten, und jeder blickte mit Spannung auf Kathi.

Der König erfaßte ihre Hände und bat in dringendem Ton: "Ha, mein Kind, sprich; Wie sind dir die Lösungen der Aufgaben alle so glänzend gelungen?"

Kathi gedachte ihres treuen Hans, den sie um keinen Preis verraten durfte, und aufseufzend erwiderte sie leise: "Ich kann es nicht sagen!"

Da erhob sich ein ungeheurer Tumult, den selbst die Anwesenheit des Königs nicht hemmen konnte. Ausrufe wie: "Eine Hexe! Fort mit ihr! Werft sie ins Gefängnis! Unglücksrabe!" und so weiter schwirrten durcheinander.

"Ruhe!" gebot König Bamborius und schwang sein Zepter gegen die empörte Menge.

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Als es ihm endlich gelungen war, die Ruhe wiederherzustellen, sagte er gebieterisch: "Haltet ein! Das Mägdlein ist bestürzt; laßt ihm Zeit, sich zu besinnen!"

"Sie hat ihn schon behext!" murmelten einige im Saal.

Der König aber wandte sich nochmals zu Kathi und fragte begütigend: "Willst du mir wirklich nicht sagen, liebes Kind, wer dir geholfen bat? Du schwebst in großer Gefahr, Katharina, und nur durch offenes Geständnis kannst du sie von dir abwenden."

Wieder schüttelte Kathi betrübt und verneinend ihren Kopf.

Da winkte der König mit trauriger Miene einige Trabanten herbei und befahl: "Führet Sie ab!"

Sechs Lanzenträger eilten herbei und nahmen Kathi in ihre Mitte, um Sie abzuführen.

Noch einmal erhob König Bamborius seine Stimme und sagte: "Ich frage die hier Versammelten, euch edle Damen und Herren meines Hofes: Wieviel Tage soll Dame Katharina im Gefängnis Zeit haben, sich auf eine bessere Antwort zu besinnen?"

"Soviel Tage, als sie Zeit brauchte zu den Wundern!"

war die allgemeine Antwort.

Da trat ein Greis mit silberweißen Haaren vor und sagte: "So gebe Majestät dem Kinde die doppelte Anzahl Tage zum Besinnen!"

"Es sei!" erwiderte der König.

"Hast du gehört, Katharina? Sechs Tage Zeit ist dir gegeben, um dich von dem greulichen Verdacht zu reinigen, den man gegen dich ausgestreut!"

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Nach diesen Worten des Königs nahmen die Trabanten Kathi in ihre Mitte und führten sie aus dem Saal; der König vergrub sein Antlitz in den Händen und weinte. -

Wie eine Verbrecherin wurde Kathi den Weg zurückgeführt, den sie kurz zuvor so erwartungsvoll gekommen.

Scheu wich die Menge vor ihr zurück.

Man brachte sie in ein Gefängnis, in das weder Sonne noch Mond schien.

Hier wurden ihr die schönen Kleider genommen, und sie erhielt einen grauleinenen Kittel. Wasser und Brot waren ihre Nahrung und ein Bündel Stroh ihr elendes Lager. So saß sie nun trauernd und verlassen in ihrem dumpfen Kerker und gedachte sehnsuchtsvoll ihres treuen Freundes.

Wo mochte er sein, ihr Hans? Er hätte ihr sicherlich geholfen in ihrer Bedrängnis. - Jeden Morgen und jeden Abend erschienen einige Herren des hohen Rates bei Kathi und fragten an, ob sie sich auf eine bessere Antwort besonnen habe; aber immer mußten sie mit demselben Bescheide: daß sie nichts sagen könne, von dannen gehen.

Fünf Tage waren auf diese Weise schon vergangen. In der Nacht vom fünften zum sechsten Tage, als Kathi ruhelos auf ihrem Strohbündel lag, wurde die Tür ihres Gefängnisses plötzlich leise aufgeschlossen. Der Schein einer kleinen Blendlaterne beleuchtete den engen Raum, und es traten zwei in dunkle Mäntel dicht verhüllte Männer ein. Als die so heimlich Eindringenden ihre Hüte zurückschlugen, erkannte Kathi den König Bamborius und seinen treuesten Diener Josef.

In leisem Flüsterton sagte der König, als sie erschreckt aufsprang, zu ihr: "Verhalte dich ganz ruhig, Katharina, es darf niemand wissen, daß ich bei dir war!"

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Kathi nickte stumm.

"Morgen ist die Frist abgelaufen, welche ich und meine Untertanen dir zum Besinnen gegeben," sagte der König ebenso leise wie zuvor. "Du hast bisher hartnäckig geschwiegen und meine Räte stets ohne Bescheid fortgeschickt. Infolgedessen ist heute in großer Ratsversammlung beschlossen worden, daß du als Hexe verbrannt werden sollst."

"Verbrannt!" schrie Kathi entsetzt.

"Leise, leise!" gemahnte der König.

"Ich sage dir dies, Katharina, damit du weißt, welche Gefahr dir droht. Ich möchte dich so gern retten, deshalb sage mir: wer hat dir bei den Aufgaben geholfen? Ich kann und will nicht glauben, daß du schuldig bist!"

Schon schwebte Kathi das errettende Wort auf den Lippen; aber noch zur rechten Zeit erinnerte sie sich der Warnung ihres treuen, gefiederten Freundes: Um keinen Preis verrate mich! Es komme, was da wolle!

Da schaute Kathi den König treuherzig an und sagte: "Gedenket meiner in Ehren; aber ich kann Euch nicht sagen, wer mir geholfen. Und glaubt mir: Ich bin keine Hexe!"

"So mögen alle guten Geister dir helfen!" seufzte der König. "Lebe wohl!"

Hierauf hüllte er sich wieder dicht in seinen Mantel und entfernte sich mit seinem Diener so leise, wie er gekommen. Am nächsten Tage war auf dem großen Platz vor dem Schlosse geschäftiges Leben und Treiben. Es wurde ein Scheiterhaufen errichtet, auf welchem die schreckliche Hexe verbrannt werden sollte. Weit und breit hatte sich das Gerücht von dem Schauspiel, das hier zu sehen sein würde, herumge-

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sprochen, und es war eine Menge Volks herbeigeströmt, um es mit anzusehen.

Der König hatte sich gramvoll in seine innersten Gemächer zurückgezogen und seinem Vetter, dem schwarzen Ritter, das Amt des obersten Richters übertragen; er wollte von dem grauenhaften Vorgang nichts hören und sehen.

Mit teuflischer Freude waltete der schwarze Ritter seines Amtes, und der Kammerdiener Urban stand ihm darin bei.

Es wurde ein Holzstoß aufgerichtet, und Fackeln lagen bereit, ihn anzuzünden.

Sobald alle Vorbereitungen getroffen waren, wurde die arme Gefangene von einem Zug Trabanten herbeigeführt.

Es hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt, und es hielt schwer, den Platz vor dem Holzstoß frei zu halten.

Vor dem Gerüst stand ein Tisch, an dem der schwarze Ritter und der erste und oberste Richter Platz genommen hatten. Vor diesem Tisch machten die Trabanten halt und lieferten die Gefangene ab.

Da erhob sich der Oberrichter und fragte, indem er die Hand auf ein großes Gesetzbuch legte: "Ich frage die Gefangene in aller Form des Rechts: Willst du gestehen, daß du dich zur Lösung der Wunderaufgaben zauberischer Mittel bedientest, so antworte! Noch ist es Zeit!"

Zitternd und bebend vor Angst schüttelte Kathi nur stumm verneinend den Kopf.

"Ihr seht," rief der schwarze Ritter zum Volke gewendet, "daß die Hexe angesichts des Scheiterhaufens sogar noch leugnet!"

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Da verkündete der Richter mit lauter Stimme: "So verurteilen wir die Hexe Katharina zum Feuertode! Und das Urteil soll sogleich vollstreckt werden!"

"Hat noch jemand etwas einzuwenden?" fragte der Ritter mit höhnisch funkelnden Augen.

"Nein!" schrie die Menge. "Verbrennt die Hexe!"

Da winkte der Ritter. Ein Mann in scharlachrotem Wams ergriff Kathi, schleppte sie auf den Holzstoß und band sie fest an einen Pfahl, der aus der Mitte des Scheiterhaufens hervorragte.

Bis zum letzten Augenblicke hatte Kathi gehofft, daß Freund Rabe kommen könnte, um sie zu retten; aber ihre Hoffnung schwand mehr und mehr.

Schon nahmen die Henker Fackeln zur Hand und zündeten den Holzstoß an. Ein schwelender Rauch begann aufzusteigen.

In namenloser Angst und heißer Sehnsucht richtete Kathi ihre Blicke in die Ferne und sieh! - Was war das? - dort, noch kaum erkennbar! - ein schwarzer Punkt! - Er bewegt sich! - Er flattert wie mit Flügeln! "Schürt die Flammen besser!" schrie der Ritter den Knechten zu.

"Haltet ein!" flehte Kathi. "Da kommt Freund Rabe, mein Retter!"

Dann nahm eine wohltätige Ohnmacht ihre Sinne gefangen.

Immer höher züngelten die Flammen; aber immer näher kam der Vogel.

Kathi hatte recht gesehen; es war Freund Rabe, der wie mit Sturmeseile geflogen kam.

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Mit Brausen und Getöse, das alle Umstehenden in Furcht und Schrecken versetzte, zog eine Windsbraut vor ihm her und löschte die Fackeln und löschte die Flammen.

In dieser Windsbraut senkte der Rabe sich zur Erde nieder, schlug einigemal mit den Flügeln auf und lag einen Augenblick wie tot.

Plötzlich hob er den Kopf wieder; sein Körper reckte und streckte sich, und dann stand er, wie hingezaubert, als schöner, stattlicher Prinz vor den staunenden Augen der versammelten Menge.

"Zurück!" donnerte er die Henkersknechte an, die ihre von neuem angezündeten Fackeln dem Scheiterhaufen näherten, um ihn wieder in Brand zu setzen.

Dann sprang der Prinz behende selbst auf den Holzstoß, zerschnitt mit seinem Degen die Stricke, die Kathi an den Pfahl banden, und trug mit starken Armen die leblose Gestalt von dem schwelenden Holzstoß herunter.

"Erwache! Kathi, erwache!" bat er zärtlich. "Dein Hans ist da, den du durch deine Standhaftigkeit und Treue aus den Banden einer argen Zauberin erlöstest!"

Bei den sanften Worten des Prinzen schlug Kathi die Augen langsam auf, richtete sich aus seinen Armen empor und schaute verwundert auf den schönen Prinzen und fragte: "Wer bist du?"

"Ich bin Prinz Rabe, dein Hans!" rief der Gefragte glückselig. "Ja, dein Hans, den du durch deine Treue von bösem Zauber erlöst! Nun sollst du meine Prinzessin sein!"

Kathi wußte nicht, wie ihr geschah; sie glaubte zu träumen.

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"Du, mein lieber Freund Rabe?" fragte sie ungläubig.

Aber jetzt kam auch Leben und Bewegung in die bisher verstummte Menge.

"Der Prinz, der Prinz!" ging es von Mund zu Mund.

"Es ist der verschollene Prinz Hans, und Dame Katharina hat ihn erlöst! Wir wollen sie leben lassen!"

Plötzlich ertönte: "Prinz und Prinzessin leben hoch! hoch!

hoch!"

Da wurde das Portal des Schlosses hastig aufgerissen, und König Bamborius kam eilig herbeigelaufen.

"Was geht hier vor?" fragte er in den Tumult hinein.

"Was höre ich: Prinz? und Prinzessin?"

Da flog ihm Prinz Hans jubelnd in die Arme.

"Mein geliebter Vater!" rief er. "Ich bin es ja, dein verlorener Prinz Hans! Und hier ist Prinzessin Katharina, die mich aus dem Zauberbann befreite!"

"Komm an mein Herz, Prinzessin, geliebte Tochter!"

sagte der König und schloß unter Freudentränen die neugewonnene Prinzessin in seine Arme.

Und alle Umstehenden weinten vor Rührung mit.

"Wo ist der Kammerdiener?" fragte der Prinz alsdann; denn er dachte an den Schlag auf den Schnabel, den er von ihm erhalten.

Und siehe da! Der schwarze Ritter und sein treuer Helfer, der Kammerdiener, waren auf und davon. Auf den schnellsten Pferden waren sie, Strafe fürchtend, geflohen.

Später hieß es: sie seien bei Nacht und Nebel in einen Abgrund gestürzt und elendiglich umgekommen.

Prinzessin Katharina wurde nun im Triumph ins Schloß geführt.

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Dort mußte sie den elenden, grauen Kittel gegen prächtige Kleider vertauschen.

Und als das Volk nicht nachließ, sie zu rufen, mußte sich der König mit der Prinzessin und dem Prinzen auf dem Balkon zeigen und immer wieder zeigen.

Es war ein Jubel ohne Ende!

Von nun an herrschte Glück und Freude im Schlosse.

Katharina wurde die Gemahlin des Prinzen Hans, und alle Einsamkeit und Trauer des Königs Bamborius war vorüber.

Die Raben wurden in seinem Reich für heilige Vögel erklärt, und niemand durfte ihnen ein Leid zufügen.

Wenn einer dieser Vögel auf den Schloßhof geflattert kommt, so heißt es bis auf den heutigen Tag:

"Da kommt Freund Rabe!"

 

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