VIII.

 

Das Dorf St. Martin dürfte in der Zeit von 500-700 gegründet worden sein. Mehr und mehr kamen damals die fränkischen Einwanderer aus den Gegenden des Niederrheines in die jetzige Pfalz. Ihre Siedelungen breiten sich zunächst in den fruchtbarsten Gegenden besonders in der Rheinebene aus. Allmählich erreichen sie aber auch den Gebirgsrand.

Das Christentum ist den Ankömmlingen nicht mehr fremd. Dem heiligen Bischof Martin von Tours, dessen Verehrung sich in jenen Jahren mehr und mehr im fränkischen Land einbürgert, baut man auch in unserer Heimat zahlreiche Kirchen. Eine neue Siedelung um eine diesem Heiligen geweihte Kirche übernimmt den Dorfnamen St. Martin.

Reste, die indes an die vorausgegangene heidnische Zeit erinnern, werden von den Ankömmlingen in der Umgegend gefunden. "Heidelbergel" heißt deshalb der kleine Berg im südwestlichen Teil der Gemarkung. Das Heidentum wird südwärts gedrängt. Aus dem Norden kommt das Licht des neuen Glaubens.

Hausmarke Georg Anton Frantz Mit seiner Einführung ist die Verehrung des hl. Martinus verknüpft. Ladenburg bei Mannheim nennt in dieser Erkenntnis ein nach Norden ausmündendes Stadttor das Martinstor. Speyer, Worms und Mainz errichten in ihren nördlichen Stadtteilen die Martinskirchen und in St. Martin, dem Dorf des heiligen Martinus, errichtet der fromme Sinn beim Nordeingang des Dorfes die Martinskapelle.

Das Staatsarchiv Speyer besitzt die Sal- und Lagerbücher des bischöflich, Speyerer Oberamts Kirrweiler aus den Jahren 1573 und 1609. Diese geben mit einigen anderen Urkunden dort mancherlei Aufschluß über das Dorf St. Martin in jenen Tagen. Die vorliegende Abhandlung will zwar keine vollständige Ortsgeschichte sein. Die Geschichte von Feld und Flur dürfte indes das Bild, das geschaffen werden sollte, vervollständigen. So hören wir von

"Mark und Zirk."

"Zum ersten hebt die Mark an bei Geschelers Kestenacker (Kestenbüschel, Kastanienbusch) und geht naher dem Kloster zu, denselben Weg hinauf und fürter bis uf die Wiesen, und dieselbe Wiese neben dem Klosteracker für bis an die Gereyde (Wald) und die Gereyde für bis uff den Oberhardtweg, und von den Oberhardtweg außen bis

auf den Burgweg, und den burgweg uffen (der Hardtgasse und dem Lärchengässel folgend) bis an die zwey Häuser, ist das eine Cuno von Altdorf und das andere Hansen von Dalberg, und hierfür den Weg außen bis uff die Gereyden (Mühlgasse und Einlaub), und die Gereyde für bis uff den spitzen Stein, und von dem spitzen Stein an bis uf den Stotz, und von dem Stotz an bis uff das Spielfeld, und von dem Spielfeld innen bis an Sant Peters Born, (jetzt Gemarkung Maikammer) und von demselben Born an bis inwendig dem Spielfeld herüber bis an das Bild, das da steht an der Geyßenweiden, und von demselben bis an den Holzweg hinan bis uff den ander, der da liegt im wolfsloch und stoßt mit dem ander Ende bis uff die Bach, und von der Bach an herab bis uff die neue Allmend, und von der neuen Allmend an bis uff die Stein, und von den Steinen an denselben gewannen her uffen den Weg hinan mit den Crützen henüssen geht zwischen den von St. Martin und Edenkoben und denselben Weg hinußen bis uff Gesellers Kestenacker und soll der Weidegang zwischen den zu Sankt Martin und den von Maikammer wie das von alter her ist gewesen, gemein gehalten werden."

Dieser gemeinsame Weidegang gehört wohl schon mehr als hundert Jahre der Vergangenheit an.

In ihm aber und dem Streit um die besten Weideplätze dort hatten wohl die alljährlich wiederkehrenden

Kampfszenen "Awasels" genannt, ihren Ausgangspunkt. Bis zum Ausbruch des (1.) Weltkrieges wurde an diesen als einem alten Herkommen festgehalten.

Der Herbst war eingebracht. Am Nachmittag der nun folgenden Sonntage stellte sich ein großer Teil der männlichen Jugend aus St. Martin im Stotz und an der Geißenweide ein. Mit Steinen und Wingertspfählen wurde der Kampf gegen die von Maikammer und besonders jene aus Alsterweiler geführt. Bausen und blutige Köpfe waren an der Tagesordnung. "Kommt, wir wollen die Alsterweil'rer schlagen!" war der Kriegsgesang. Die Schimpf- und Spottnamen der beiden Dörfer flogen herüber und hinüber.

Remling berichtet in seiner Geschichte der Bischöfe von Speyer gleichfalls von dem Streit um diese Viehweide. Er kennt auch den Streit zwischen Edenkoben und St. Martin um den Weidegang auf der südlich von St. Martin gelegenen Heide, die jetzt zur Gemarkung von Edenkoben zählt.

Kropsburg und das zum Kropsberg gehörige herrschaftliche Gebiet lagen außerhalb der Gemarkung. Die Kropsburg hatte ursprünglich zwei Besitzer. Ab 1439 werden die Dalberger alleinige Eigentümer. Sie lassen 1770 den Kropsberg neu umsteinen. Die Grenze folgt dem Kuckuckspfad,

früher Guchelweg (cf. "Gauch") genannt, breiten Hardtweg, Fahrweg zum Heidelbergel und Eichenbüschel, zieht dann quer durch den Wald bei der jetzigen Lourdesgrotte hinunter zum Ende vom Kuckuckspfad. Die Grenzsteine sind teilweise erhalten geblieben. Sie zeigen auf der einen Seite die Dalberger Lilie, auf der andern ein Zeichen, das wohl jenes der Haingeraide gewesen sein dürfte. Auch das Rebengelände im Forst stand unter Botmäßigkeit dieser altadeligen Familie.

Was "weiland Schlüchterer von Erphenstein" und "Hans Martin von Altdorf, genannt von Krobsberg" besessen und nach deren "tödlichem Abgang dem Stift Speyer eröffnete und heimgefallen", ein altes Junkerlehen (Mannlehen), überträgt Bischof Marquard von Speyer 1573 dem Mann seiner Schwester, Jakob Hund von Saulheim, Faut des Schlosses Marientraut bei Hanhofen und "seinen Leibs Mannerben" als Entgelt für die dem Stift geleisteten Dienste. Es sind der halbe Zehnt an der "Raupenheck" (Raupenhald, Raubheld) und im Ueberfeld. "Der geht an dem Guchelweg und zieht bis an den heiligen Bronnen; und die Altbach ab bis an die Allmende, und gegen die Allmende uff nun durch Wolf Hüttstocks Erbe Wiese und ziehet diese Wiese, das halbteil und bis an den Stein, so an dem langgraben stehet und von diesem Stein die angewand hinauf

bis uff den Stein, der den Forst scheidet am Ueberfeld und den Weg uffen bis an das Bild. Da stehet ein Stein. Und denselben Stein nach bis an die oben genannten zwei Häuser "und den alten Weg nach bis an den bühelweg."

Das eine der beiden Häuser ist die ehemalige Dalbergische Kellerei; "der Herrn Hof und ist frey, und ob einer eine Uebel-That begangen hett, und in bemelten Hof kompt, der soll frey sein, gleich also ob er in dem Burgfrieden were". (1530).

Das andere Haus ist die "Hofraide unten am Kropsberg in dem Burgfrieden gelegen, obenzu der von Dalberg, untenzu der Weg, der zu den zween Hänsern geht, ... hinden zu auch der von Dalberg, stoßt forn uff den Weg, der uff den Krobsberg geht" ... welche "obgedachter Johann Christoph Hund jetzt Unterhanden hat" (1611).

Jakob Hund ist der Großvater, Marquard der Bruder dieses Johann Christoph. Letzterer stirbt 1627. Seinen Söhnen wird durch Urkunde, ausgestellt am 1. März 1627 in Philippsburg, der Besitz des Vaters übertragen. Genannt sind Johann Reinhard Hund, Dechant des Domstifts Speyer und dessen Brüder Philipp, Rudolf, Adolf und Karl. Zu deren Besitz zählten noch zweimal "zween" Morgen Wingert in dem Stude oder Stäudig gelegen, zwei Morgen Wiesen in den Hardtwiesen oberseits der Dalberg, ein Morgen Wiesen hinten

am neuen Weg, "einerseits der Viehgassen", acht Ohm Weingeld von Weingärten in dem alten Stäudig, "ein Pfund Heller Geld zu Vermögen der Frauen zu Lamprecht, dreißig Schilling Hellergeld und sechs Hühnergeld von Hambach."

Jakob Hund bezog auch den kleinen Zehnten in Kirrweiler, "neun oder zehn Gruben Rüben, vier Kärch mit Kraut, drei Fahrt Wein ... eine uff dritthalb Ohm, den Zehnten von Milch, Kälbern und Lämmern." Dafür mußte Hund den Büttel dort unterhalten. (Großer Zehnt umfaßt Getreide und Wein, kleiner Zehnt die Garten- und Baumfrüchte.)

"von weilandt Doctor Burgkharden haben die Edle Hundten von Saulheim ihre Güter zu St. Martin exquirirt und deswegen keine ordentliche Freiheit darauf herkommen ist." (exquiriert ist fordern, nachsuchen.)

Bastian Wilhelm und feine Ehefrau Ottilie, Gemeinsleut in St. Martin, verkaufen am 24. Juni 1616 an "wohledle, ehren- und vieltugendhafte Frau Maria von Schmidtberg, geborene von der Layen" eine Gült von dritthalb Gulden jährlich. Die Schuld beträgt 50 fl. Die Verkäufer setzen einen Weinberg, dann Haus und Hof mit einem Baumgarten daran zum Pfand, "an der Embsergaß gelegen, oberseits der gemeine Weg und Best Söber, unterseits Leonhard Grohe und Hans

Hofmann oberends des Embser Melcher, unterends die Embser Gaß, zinst alljährlich uff das heilige Osterfest in die Kirch allhier dem Altar ein Maß Wein." Der Fauth von Marientraut, Johann Christoph Hund von Saulheim, drückt auf Ansuchen von Schultheiß und Gericht dieser Urkunde "sein Insiegel" bei.

"St. Martin hat keinen eigenen Rechtsspruch, sondern gehört unter den zu Kirrweiler mit Maikammer." Das Recht übt nicht wie anderorts das Dorfgericht, sondern der Bischof durch seine Amtleute zu Kirrweiler.

"Der Rechtsspruch fängt an am Rathaus und gehet die rechte Bach oben bis an das Bachgässel ... dieselbe alte Bach hinab bis uff die Mühl", den Ackerweg, durch die Hube, den Holzweg, "solcher Weg hinab bis uff Allerheiligen Stiftsherrn von Speyer", die Eltzwiesen, den Eltzbronnen, das Spielfeld, Spielfeldweg, Hungerweg, Dörnelweg "bis uff die Gereyden", ... "und uff die Gereyden herum bis uff den Bühelweg (Weg auf dem Wingertsberg) und den bühelweg hinab bis uff die Viehtrift und bis zum heiligen Brunnen, darnach die Rechtbach herab bis uff den alten Weg, (Mühlgasse, der andere, neuere Weg ist die "Emsergaß"), so denen von Dalburg zusteht, durch den

alten Weg herab an der Bach bis zum neuen Woog, so auch dene von Dalburg zusteht, . . . die Rechtbach herab bis an das Rathaus" usw. "Ein jeder, der Güter in dem zirk, der gibt ein Simmer Haber und ein heller, soll das Simmer Haber nit heher schuldig sein zu zahlen als 8 Pfg. und 1 Heller."

Viehtrift, zu der die Viehgasse (Einlaub) führt, und das Feld zwischen Bühelweg und Geraidewald bis zum Gärtel im Tal von Alsterweiler bildeten die obere Allmend. Diese wurde zur Deckung der Kriegsschulden, die der Gemeinde in der Zeit von 1792 bis 1816 erwachsen waren, um das Jahr 1825 mit dem Gemeinde-Hirtenhaus u. a. m. als Privateigentum versteigert. Die Belege sind bei den Gemeinderechnungen jener Jahre niedergelegt.

Wir gehen durch Feld und Flur und atmen allenthalben den Hauch der Vergangenheit. Der "Hansehöwel", auf dem am "Kans"- oder "Hannestag" die "Kansfeuer" aufloderten, war der Hanfhübel = hügel. Durch lange Jahrhunderte wurden hier Flach und Hanf geröstet und gebrochen.

Die Flur ist nicht das ununterbrochene Rebengelände unserer Tage. Bei den Vorfahren, welche die Kartoffel noch nicht kennen, gehört die Kastanie fast zur alltäglichen Nahrung, besonders im

Winter. (In dem Dorf St. Martin haben z. B. die Dalberger "ein Hof ... myt etlichen Kesthen Bäumen"). Die Namen Finsterland, Bannholz, Forst, Kastanienbusch, Stöckelfeld und Dörnel lassen dort Waldbestände in früherer Zeit ahnen. Durch das "Viehgässel" geht das Vieh zur Weide. Am Torwingert legt sich das Falltor nieder, das ein Zurücklaufen des weidenden Viehes verhindert. Der Schlagbaum am "Spelveld" und "Stotz" hatte den gleichen Zweck. Dieser lebte noch um 1890 in der Erinnerung alter Leute. Spelveld ist das Feld mit dem "spelligen" ,Vieh. Die Gewanne "Hub" sagt uns, daß einmal bei einer Waldrodung das bebaute Feld um eine Hube [=Hufe=mansio], d. i. 40 bis 60 Morgen, vermehrt wurde. (Zink: Pfälz. Flurnamen.)

Am 23. August 1576 überlassen Maikammer, Diedesfeld und Kirrweiler der Gemeinde St. Martin aus dem gemeinschaftlichen Gebiet ihrer Haingeraide "das Stück Feld, die Hard genannt, so ganz öd und wüst obwendig St. Martin und unter dem Schloß Krobsberg gelegen zur Nutzbarmachung in Aecker, Wiesen und Weinbergen. Ein jährlicher Bodenzins von 36 fl. wird dafür den drei Gemeinden entrichtet, dem Bischof der Zehnte uff der alten und neuen Hart."

Das Verzeichnis der "Weingarten in Marthiner Gemarkung gelegen, so unserm gnädigsten Fürsten

und Herrn (Bischof) zehntbar sind", renoviert d. i. erneuert im Jahr 1609, kennt 406 Viertel, das sind ungefähr 160 Morgen in der nördlichen Hälfte der Gemarkung.

"Den großen und kleinen Zehnden haben die Herrn vom Kapitel (Dom), Hans von Dalberg, Ehrhard von Korbsberg und der Pastor" Am weißen Kreuz (Straße nach Maikammer) wurde noch um 1840 zur Zeit der Weinlese die "Zehntbütte" aufgestellt.

Für einen "Kestenberg an der Hol" haben die Bischöfe zwei "Cappen" (gekappte Hähne). Der Bischof erhält für einen derselben einen Weißpfennig (Silberstück). "Der andere ist des Schützen und des Büttels laut des alten Sehlbuchß." (Lagerbuches.) Dem Bischof steht der große und kleine Zehnt zu im Breitenacker, Dörnel und Bruchacker.

Für die Mühle, im Dorf gelegen, gibt die Gemeinde an den Landesherrn an Maria Geburt zwölf Malter Korn. Angrenzer dieser Mühle sind oberseits das Allerheiligenstift Speyer, unterseits Sickingen. In den Wiesen des Allerheiligenstifts sprudelt das "Helgebrünnel". Die Ueberlieferung sagt, daß dort einmal in den Gefahren der französischen Revolution Monstranz und Kelch aus der nahen Kirche versteckt lagen. Was soll dann auch

Hausmarke Johannes Platz der Name "heilige Bronnen" bei der Talmühle bedeuten? (Heiliges Brünnel, Brünnlein.)

Die Dalberger besaßen die Mühle beim neuen Woog (Wooggasse).

Drei Batzen und zwölf Pfennig Ortsgült zahlt Jakob Bayer für 5 fl. Hauptgeld von Haus und Hof an "der engsten Gaß"'.

Ein jedes Haus ist ein Fastnachthuhn schuldig. "Pfarrherr, Schultheiß, Gerichtsschöffen, Puettel, Kindbetterinnen und leere Häuser sind frei."

"Kuno von Altdorf hat die Pastory zuleih. Die Frühmeß der pastor und Kirchengeschworenen, Glockenamt der Pastor und Kirchenjurati deren sechs sein sollen." An anderer Stelle (1659) heißt es: "Das Glockenamt vergeben Pastor und Kirchengeschworenen, Kirchensatz, (Besetzung der Pfarrei), Pfarr- und Frühmeß der Bischof. Dieser hat Recht auf eine angemessene Frohn."

Hauptrecht desselben ist die "Gerechtigkeit an Jagen, hägern, Vögelfangen."

Im Jahr 1609 erhält er als "Maibeed"' 39 fl., zur "Herbstbeed" 61 fl., "Rindfleischgeld"' (eine Viehsteuer) 5 fl., "Schankgeld" jährlich 3 fl. zur Maibeed und 3 fl. zur Herbstbeed.


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